Epilog
~4 Min. Lesezeit
Der Drachen
Düsseldorf, Sommer
Es war Sommer.
Sandra fuhr mit dem Fahrrad durch eine Düsseldorfer Straße und es war einer dieser Tage die keine besondere Form hatten — kein Termin, keine Aufgabe, einfach die Stadt und die Luft und das Geräusch der Reifen auf dem Pflaster. Sie bemerkte den türkischen Supermarkt fast zufällig. Das Schaufenster. Der Geruch der durch die offene Tür kam. Sie hielt an. Stieg ab. Ging hinein.
In der Wohnung stellte sie die Papiertüten in der Küche ab und schaltete im Arbeitszimmer den iMac ein. Holte einen Teller Pişmaniye — das Zuckerwattekonfekt das sie manchmal kaufte ohne darüber nachzudenken, mit der Unbewusstheit von Gewohnheiten die aus Gefühlen entstanden waren und die geblieben waren auch als die Gefühle längst keine Fragen mehr stellten. Sie setzte sich. Schaute aus dem Fenster.
Ihr Blick blieb hängen.
Sie trat auf die Terrasse.
Drachen.
Von der Grünfläche fast gegenüber der Altstadt stiegen Drachen auf — Fische, Adler, Schmetterlinge, chinesische Drachen in Rot und Gold, Formen die sie nicht alle kannte. Das Blau des Himmels dahinter. Der Wind der die Fäden spannte. Sie lehnte sich ans Geländer und schaute und dachte an nichts Bestimmtes, was manchmal das Beste war.
Zurück im Arbeitszimmer lief der Twitter-Client auf dem Bildschirm.
Tweets die kamen und gingen, das Rauschen der Gegenwart. Dann, zwischen allem anderen — die Meldungen die sie schon erwartet hatte und die trotzdem ankamen wie etwas Neues.
Freispruch für die zwei afghanischen Studenten.
Sie las es einmal. Zweimal. Ließ es ankommen mit der Stille von etwas das man lange gewusst hatte und das jetzt endlich wahr war.
Dann stand sie auf und öffnete den Umzugskarton in der Ecke.
Er war aus Berlin mitgekommen — einer jener Kartons die man mitnahm weil man sie nicht öffnen wollte, weil das Öffnen bedeutet hätte sich zu erinnern, und weil das Erinnern noch nicht Zeit gehabt hatte. Jetzt hatte es Zeit. Sie holte einen kleinen Karton heraus. Und aus dem kleinen Karton einen Briefumschlag.
Die Ränder: rot und dunkelblau. Ein leichter Schuhabdruck auf der Vorderseite.
Ihre Hände wurden still.
Sie öffnete ihn.
Ein sechseckiger Drachen — mit Bleistift gezeichnet, mit bleichen Farben ausgemalt, die Farben die mit der Zeit heller geworden waren aber nicht verschwunden. Und darunter ein altes gestricktes Halstuch das sie kannte wie man Dinge kannte die man einmal an jemand anderem gesehen hatte und nicht vergessen hatte.
Sie saß da und hielt das Halstuch.
Und dachte an den Korridor des Bochumer Studentenwohnheims — den Moment als sie die Zimmertür geöffnet hatte und ihn von weitem gesehen hatte, den Rücken zu ihr gewandt, schon auf dem Weg zum Campus. Wie sie stehengeblieben war und ihm nachgeschaut hatte bis er nicht mehr zu sehen war. Wie ihr Blick auf das Halstuch am Kleiderhaken gefallen war.
Wie lange das her war.
Wie nah es sich anfühlte.
Die Haustür öffnete sich.
Kaan trat ein. Er warf den Schlüssel in die Schale auf der Garderobe — er wohnte hier, der Schlüssel gehörte in die Schale, das war so und es war selbstverständlich geworden auf die Art wie die besten Dinge selbstverständlich wurden: ohne dass man den Moment bemerkt hatte in dem sie es wurden. Er hängte Krawatte und Jacke auf. Trat ins Arbeitszimmer.
Sandra lehnte an der Terrassentür und schaute auf die Drachen draußen. Sie drehte sich um und lächelte — mit der Mühelosigkeit von jemandem dem das Lächeln nicht abverlangt wurde sondern einfach kam.
Kaan bemerkte die Staffelei neben dem Arbeitstisch.
Das Bild darauf.
Er ging näher.
Es war er — der Parka den er immer getragen hatte, das gestrickte Halstuch, die Haare etwas länger als jetzt. Er kannte dieses Gesicht und kannte es nicht, so wie man das eigene jüngere Gesicht kannte und nicht kannte — vertraut und fremd gleichzeitig, das Gesicht von jemandem der noch nicht wusste was kommen würde. Und in seinen Händen: ein sechseckiger Drachen.
Das abstrakte Bild aus dem Berliner Atelier — das er damals so lange betrachtet hatte ohne zu wissen warum — war jetzt das hier. Dieser Mensch. Er selbst.
Kaan stand und schaute sehr lange.
Am Rheinufer in Oberkassel: Menschen und Drachen und der Sommer.
Kaan zeigte Sandra wie man einen Drachen aufsteigen ließ — mit den Händen, mit dem Körper, mit dem Wissen das aus der Kindheit stammte und das nie ganz weggegangen war. Der sechseckige Drachen stieg auf. Langsam zuerst, tastend, dann fand er den Wind und stieg schneller, höher, in das Blau über dem Rhein.
Jamil stand daneben und schaute mit aufgerissenen Augen nach oben — das Staunen von Kindern das keine Anstrengung war sondern einfach da.
Sevda lief in der Gegend herum. Halid nahm sie auf den Arm und zeigte ihr mit dem Finger den Drachen in der Luft.
Kaan und Sandra gaben das Band an Halid und gingen auf die anderen zu — auf Hülya und Celal und Reyhan die gerade aus dem Wagen stiegen, auf Charlotte und Richard die dabei halfen die Klappstühle aus dem Kofferraum zu tragen. An dem Picknicktisch saßen schon Ramina, Mahmud und Ayla.
Sie begrüßten sich. Umarmten sich. Redeten und lachten.
Der Tisch füllte sich. Die Stühle wurden hingestellt. Das Essen wurde ausgepackt. Celal setzte sich neben Richard und sie fingen ein Gespräch an das vielleicht gut wurde und vielleicht nicht, aber das möglich war, das war das Wichtige.
Von weitem sah man sie alle — diese Gruppe am Rheinufer, an einem Sommertag, und über ihnen in der Luft der sechseckige Drachen den Halid hielt und den Jamil auch halten wollte und den Sevda auch halten wollte.
Man sah sie und wusste nichts von dem was gewesen war.
Man sah nur: Menschen. Zusammen.
Und den Drachen der flog.