Kapitel 1

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Das Haus mit dem Garten

Düsseldorf / Bochum, Herbst 2001

Sandra kannte diesen Tisch auswendig.

Nicht das Holz, nicht die Stühle — sondern die Art wie ihre Mutter ihn deckte. Die Präzision. Den Abstand zwischen den Gläsern, immer gleich, gemessen mit einem Sinn der kein Maßband brauchte. Charlotte hatte das immer so gemacht, und sie würde es immer so machen, und in dieser Gewissheit lag etwas das Sandra gleichzeitig beruhigte und beengte — das Wissen dass manche Dinge unveränderlich waren, egal was man dagegen unternahm.

Sie lehnte sich an den Küchenblock und sah ihrer Mutter zu.

Draußen war es dunkel. Das Licht in der Küche hatte diese gelbliche Wärme die abends immer zu intensiv wirkte, als würde es etwas behaupten was es nicht halten konnte. In einer Stunde würden Manfred und Hannelore klingeln, und Frank würde dabei sein, und Richard würde Fragen stellen die keine Fragen waren, und Charlotte würde so tun als wäre das alles selbstverständlich, und Sandra würde am Tisch sitzen und lächeln und an etwas anderes denken.

Sie dachte bereits an etwas anderes.

»Nur, dass du es weißt, Mama.« Sie sagte es in dem Ton den sie dafür gelernt hatte — nicht kämpferisch, nicht entschuldigend, einfach als Tatsache. »Ich bleibe nicht den ganzen Abend.«

Charlotte hörte nicht auf, Essen aufzufüllen. »Verabredet? Mit wem denn?«

Sandra lächelte.

Das war die Antwort. Charlotte kannte dieses Lächeln — es war dasselbe Lächeln das Sandra seit Jahren hatte, dieses stille Lächeln das sagte: du weißt es schon, und ich muss es dir nicht erklären, und wir beide wissen dass du es weißt. Charlotte mochte dieses Lächeln nicht besonders. Aber sie kannte es, und sie ließ es geschehen, weil sie gelernt hatte dass manche Schlachten es nicht wert waren.


Am Tisch saß Frank ihr gegenüber und schaute sie an.

Er tat es diskret — das glaubte er jedenfalls. Kurze Blicke, immer wenn Richard gerade sprach oder Hannelore etwas fragte. Kleine Blicke die sich selbst für unauffällig hielten. Sandra sah sie alle. Sie hatte das früh gelernt — Dinge zu sehen ohne zu zeigen dass man sie sieht, ein stilles Inventar zu führen, nichts zu verpassen und trotzdem keine Reaktion zu geben die eingeladen hätte.

Frank studierte Internationales Management in Berlin. Er wollte nicht an einen Ort gebunden sein. Vielleicht ins Ausland. Er sagte das mit einer Selbstverständlichkeit die sagte: ich habe darüber nachgedacht und es klingt gut, und Sandra dachte: du hast darüber nachgedacht wie es klingt.

Dann wandte er sich ihr zu.

»Was studierst du?«

»Rechtswissenschaften.«

»Willst du auch Richterin werden?«

Das Lächeln das sie jetzt hatte war ein anderes als das in der Küche. Dieses hier hatte eine Schärfe die sie selbst manchmal überraschte. »Nein«, sagte sie. »Ganz sicher nicht.«

Sie lächelte dabei. Das Lächeln das sie hatte wenn sie etwas sagte das stimmte und das trotzdem nicht die ganze Wahrheit war.

Die ganze Wahrheit war: Sie hatte Rechtswissenschaften studiert weil der Weg des geringsten Widerstands manchmal der Weg war den der Körper kannte bevor der Kopf fragte ob er ihn wollte. Ihr Vater war Richter. Ihre Mutter war Rechtsanwältin. Die Jurerei hatte sich angefühlt wie eine Tür die schon offen stand.

Sie schaute kurz zu Richard.

Dann klingelte ihr Handy.

Frank lächelte zurück, unsicher, als hätte er eine Antwort bekommen die er nicht erwartet hatte und wusste jetzt nicht wohin damit. Richard sah kurz zu ihr — ein schneller, messender Blick, dann weg. Charlotte redete weiter über etwas das Sandra nicht mehr hörte.

Und dann vibrierte das Telefon in ihrer Tasche.

Sie spürte es bevor sie es hörte. Einen Herzschlag lang saß sie noch ganz still, die Hände im Schoß, das Gesicht neutral. Dann — »Entschuldigt mich bitte« — stand sie auf, und während sie das Zimmer verließ spürte sie wie das Gewicht des Abends von ihr abfiel, Schicht für Schicht, mit jedem Schritt Richtung Flur.


Die Nachtluft war kalt.

Sandra blieb einen Moment an der Gartentür stehen. Nicht weil sie zögerte — sie zögerte nie wenn es um Kaan ging, das war das Merkwürdige, ausgerechnet hier, ausgerechnet bei diesem Menschen der so anders war als alles was ihr Leben bisher kannte, zögerte sie nie. Sie blieb stehen weil sie diesen Moment wollte, diesen kurzen Augenblick bevor sie ihn sah, in dem die Erwartung noch vollständig war und noch nichts sie enttäuscht haben konnte.

Dann sah sie ihn.

Er lehnte an seinem Motorrad und rauchte. Nicht nervös, nicht demonstrativ — er rauchte einfach, so wie er alles tat, als wäre Zeit kein knappes Gut. Das Motorrad war schwarz und zu groß für den Bürgersteig und passte nicht in diese Straße mit ihren ordentlichen Häusern und ordentlichen Gärten, und Kaan passte auch nicht in diese Straße, und das war genau der Grund.

Als er sie sah, drückte er die Zigarette aus.

Behutsam. Ohne Eile. Er holte das silberne Etui aus der Manteltasche — eine Gravur auf der Außenseite, die sie noch nie ganz hatte lesen können — und legte die Kippe hinein, als wäre das die selbstverständlichste Geste der Welt. Dann kam er ihr entgegen, ein paar Schritte, und sie ging auf ihn zu, und für einen Moment bevor sie sich umarmten sah sie sein Gesicht im Licht der Straßenlaterne — ruhig, warm, dieses Ruhig-Sein das bei Kaan kein Mangel an Gefühl war sondern das Gegenteil davon.

Sie umarmten sich.

Und dann lagen ihre Lippen aufeinander, und Sandra dachte nichts — das war das Merkwürdige an Kaan, immer noch, auch nach allem, dass sie bei ihm aufhörte zu denken, dass der ständige leise Kommentar den sie zu allem führte einfach schwieg, und da war nur das hier, dieser Moment, dieser Kuss, der so sicher war wie sie es sich nie hätte vorstellen können dass ein Kuss sein konnte.


Oben, hinter dem Küchenfenster, stand Charlotte.

Sie hatte es nicht geplant — sie war einfach ans Fenster getreten, und dann hatte sie es gesehen. Die zwei Gestalten auf dem Bürgersteig, das schwarze Motorrad, das Licht der Laterne das ihnen nur halb reichte. Sie stand sehr still. Nicht starr — still, mit der Stille von jemandem der etwas sieht das er einordnen will und noch nicht kann.

Dann trat Richard neben sie.

Er sah es auch. Einen Moment lang standen sie nebeneinander und schwiegen, und in diesem Schweigen war alles was sie sich nicht sagten und auch nicht sagen mussten — die Fragen, die Bedenken, das Wissen dass manche Dinge bereits entschieden waren bevor man anfing sie zu besprechen.

»Wer ist er?«

»Er heißt Kaan. Studiert Jura.«

Richard sagte nichts weiter. Er sah wie Kaan einen Helm vom Motorrad nahm und ihn Sandra reichte, wie er ihr half ihn aufzusetzen, wie er lächelte dabei — dieses Lächeln das Charlotte beschrieben hatte als: er lächelt als wäre das alles selbstverständlich. Richard verstand nicht ganz was das bedeutete. Aber er sah es.

Dann fuhren sie weg.

Das Motorrad verschwand mit einer Geschwindigkeit die für diese Straße zu groß war, und die Stille danach war anders als die Stille davor — voller, schwerer, als hätte das Motorrad etwas mitgenommen das noch einen Moment in der Luft hing.

Richard trat vom Fenster zurück.

Er dachte an seinen eigenen Vater. An die Art wie der auf Dinge geschaut hatte die er nicht einordnen konnte. Er dachte: ich bin meinem Vater ähnlicher als ich wahrhaben wollte. Dann dachte er etwas anderes, und dann ging er zurück an den Tisch.


Das Bermudadreieck war fast menschenleer.

Kaan hielt das Motorrad vor dem Café Paolazio an und stieg ab, und Sandra stieg ab, und beide nahmen die Helme ab, und als Sandra mit ihrem kämpfte half Kaan — lächelnd, ohne Kommentar, mit dieser Selbstverständlichkeit des Helfens die bei ihm keine Geste war sondern einfach war.

»Du sagst mir jetzt was du vorhast.«

Sie versuchte ernst zu klingen. Sie klang nicht ganz ernst. »Ich bekomme nämlich langsam Angst.«

Kaan zog das schwarze Tuch aus der Manteltasche. Noch immer lächelnd — dieses Lächeln das ein Geheimnis hatte und wusste dass sie es wusste — band er es ihr um die Augen. Sandras Hände griffen kurz nach seinen Handgelenken, instinktiv, dann ließ sie los.

Drinnen roch es nach Kerzen.

Das war das Erste. Der Geruch, bevor noch irgendetwas anderes ankam. Kaan führte sie hinein, langsam, eine Hand an ihrer Schulter, und Sandra hörte ihre eigenen Schritte auf dem Boden und hörte die Stille des leeren Cafés und roch Kerzen und etwas anderes — Rosenblätter, erkannte sie, und Wein, und darunter etwas das sie nicht benennen konnte, das Gefühl von Sorgfalt vielleicht, von einem Raum dem jemand Zeit gewidmet hatte.

Dann löste Kaan das Tuch.

Sie sah den Tisch. Genau in der Mitte des Raumes, gedeckt als wäre das hier ein besonderer Abend — und es war ein besonderer Abend, das verstand sie jetzt —, Kerzen, Rosenblätter, Weingläser, eine gute Flasche. Gedämmtes Licht. Paolo der aus der Küche trat mit einem Lächeln das zu dem Raum passte.

Und dann Sezen Aksu.

Alaturka kam aus den Lautsprechern, weich und unausweichlich, und Sandra stand da und wusste nicht was sie sagen sollte, und das war ungewöhnlich für sie, sie hatte fast immer etwas zu sagen, aber gerade nicht. Paolo nahm die Mäntel. Zog Sandras Stuhl zurück. Zeigte ihr den Wein.

»Ja, gerne.«

Er schenkte ein. Dann hob er die silberne Haube.

Ihr Lieblingsessen.

Sandra brauchte einen Moment. Nicht weil sie überrascht war — sie war überrascht, aber das war nicht der Grund für den Moment. Der Grund war folgender: sie erinnerte sich nicht wann sie es ihm erzählt hatte. Irgendwann, irgendein Satz, hingeworfen, vergessen. Und er hatte ihn aufgehoben. Hatte ihn behalten, hatte ihn hierher getragen, in dieses leere Café an einem Dienstagabend, und hatte ihn zu einem gedeckten Tisch gemacht.

Das war das Eigentliche. Nicht das Essen. Nicht das Café. Sondern das: dass er zugehört hatte auf eine Art die kein Aufwand war, und dass das Ergebnis davon jetzt vor ihr stand.

Sie schwieg noch einen Moment.

Dann: »Es ist wunderschön hier. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir was anderes angezogen.«

Kaan sah sie an. »Im Augenblick könntest du nicht schöner sein.«

Er meinte es. Vollständig, ohne Rest. Sandra hörte es — nicht die Worte, sondern das Darunter, die Art wie er Dinge sagte die er meinte, ohne Umweg, ohne die kleine Absicherung die die meisten Menschen einbauten wenn sie etwas Echtes sagten. Sie trank einen Schluck Wein und sah ihn an, und er ließ es geschehen, ihren Blick auf sich, ruhig, ohne auszuweichen.

Draußen war Herbst.

Drinnen war Alaturka, und Kerzenlicht, und der Geruch von Rosenblättern.

Und in Sandras Tasche, tief in der Innentasche ihrer Jacke die über dem Stuhl hing, lag ein Brief. Von der Akademie der Künste in Berlin. Den sie heute Morgen noch nicht bekommen hatte und den sie noch niemandem gezeigt hatte und über den sie noch nicht nachgedacht hatte, noch nicht wirklich, weil Nachdenken bedeutet hätte zu entscheiden und entscheiden bedeutet hätte etwas zu verlieren.

Sie ließ ihn liegen.

Trank noch einen Schluck Wein. Sah Kaan an. Ließ den Abend sein was er war.