Kapitel 10

~5 Min. Lesezeit

Der Kompass

Bochum / Essen — Gegenwart

Kaan fuhr und dachte an nichts Bestimmtes.

Das war selten bei ihm — dieses echte Nichts, nicht das Nichts das eigentlich etwas war das man nur nicht anschauen wollte, sondern das echte, das kam wenn man lange genug gefahren war und die Autobahn ein gleichmäßiges Geräusch machte und der Kopf aufgehört hatte Inventur zu machen. Er hatte das Fenster einen Spalt geöffnet. Die Luft war kalt.

Dann klingelte das Handy.

Halid. Er ließ es klingeln. Es hörte auf. Klingelte wieder. Und wieder.

Er nahm ab.

»HEY.« Halids Stimme füllte das Auto. »Wo bist du! Gestern lässt du uns einfach im letzten Moment stehen. Heute gehst du nicht mal ans Telefon.«

»Mein Handy war auf lautlos.«

»Du kommst doch gleich, oder?«

»Gleich… wohin?«

Eine kurze Pause. Dann: »Wie wohin? Bist du high Mann? Zum Fussball!!!«

Kaan schaute auf die Autobahn vor ihm. Zum Fußball. Er hatte es vergessen. Oder er hatte es nicht vergessen, er hatte es einfach irgendwo abgelegt wo andere Dinge auch lagen, und es war unter ihnen verschwunden.

»Ich komme«, sagte er.


Hinterher kamen sie ausgelassen aus der Sporthalle.

Luca, Halid, Kaan — wild gestikulierend, lachend, mit der Energie von Männern die gerade gewonnen hatten oder so getan hatten als hätten sie gewonnen, das war bei Fußball manchmal dasselbe. Draußen war es kalt. Halid kramte seine Handschuhe und seine Baskenmütze aus der Tasche.

Luca blieb stehen. »Ich kann heute Abend nicht.«

»Frau warten?«

»Ja. Frau warten, du Idiot. Ist das schlimm?«

Sie schauten sich an. Dann lachte Halid. Dann lachte Luca. Kaan schlug vor dass sie alle abhauen sollten, und Luca hob seine Tasche und ging zu seinem Wagen, und dann waren nur noch Halid und Kaan auf dem Parkplatz.

Halid hakte sich bei Kaan ein. »Hadi bize gidelim.«

»Başka zaman.«

Halid ignorierte das. Hakte sich fester ein und zog ihn mit. »Hadi gidelim. Uzatma şimdi.« Kein Theater.


Halids Wohnzimmer war dunkel bis auf die Kerzen.

Dutzende brennende Kerzen auf einer Torte. Und alle da — Hülya, Ramina, Luca und Nicole die offenbar doch Zeit hatte, Sevda und Jamil, befreundete Paare, Gesichter die Kaan kannte und mochte. Kaan stand in der Tür und wusste einen Moment lang nicht was er tun sollte.

Dann fing er an zu lachen.

Er drehte sich zu Halid um und bewegte den Zeigefinger hin und her — du — und alle sangen Happy Birthday und Kaan hob die Hände leicht an und sagte Danke, und dann pustete er alle Kerzen mit einem Atemzug aus und sie applaudierten und es war schön, einfach schön, ohne Komplikation.

Er ging herum und begrüßte alle. Machte Späße mit seinen Freunden. Aß Torte. Bekam Geschenke.

Dann sah er Hülya.

Sie stand ein Stück entfernt, lächelte ihn an, und er ging auf sie zu.

»Naber?«

»Teşekkürler. İyiyim. Sen?«

»Nolsun. Yuvarlanıp gidiyoruz.«

»Ne yöne doğru?«

Er schaute sie an. »Zor soru. Bilemiyorum.« Schwere Frage. Ich weiß es nicht.

Hülya holte aus ihrer Tasche ein kleines Päckchen. Reichte es ihm. Er öffnete es — eine Holzbox, und darin ein Kompass. Alt aussehend, nostalgisch, mit dem Gewicht von Dingen die eine Geschichte hatten auch wenn man die Geschichte nicht kannte.

Er beugte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

»Ya çok teşekkür ederim.« Er hielt den Kompass in der Hand. »Yalnız bir şartla kabul ederim bu hediyeyi.«

»Nedir?«

»Bu aleti kullanmayı öğreteceksin.«

Hülya lächelte. »Olur, ama bir şartla. Bowling olayındaki gibi ekmeyeceksin. Yoksa külahları değişiriz.«

»Kibarca tehdit mi ediyorsun?«

»Yani. İşine gelirse.«

Kaan lächelte. Hielt den Kompass in der Hand. Schaute ihn an — die kleine Nadel die sich bereits ausgerichtet hatte, ruhig, ohne zu zittern, in eine bestimmte Richtung zeigend.

Und dann klingelte sein Handy.

Er sah auf das Display.

Sandra.

Er entschuldigte sich bei Hülya — »Kusura bakma lütfen« — und verließ das Wohnzimmer, ging in die letzte Ecke des Korridors.

»Sandra.«

»Kaan, hi. Störe ich dich gerade?«

»Na nein, ich hab nur zu spät bemerkt dass es klingelt. Wie geht’s dir?«

»Danke, gut. Und dir?«

»Danke, auch gut.«

»Es ist ganz schön laut bei dir.«

»Ja, stimmt. Heute soll mein Geburtstag sein.«

Eine kurze Pause. »Soll?«

»Ich habe es total vergessen. Findet ja alle vier Jahre statt, wenn man es genau nimmt.«

»Bist du am neunundzwanzigsten geboren?«

Er schaute auf den Kompass in seiner Hand. »Ja, am neunundzwanzigsten Februar.«

Dann berührte ihn eine Hand an der Schulter. Halid. »Kommst du nicht rein?«

»Doch, gleich.«

Halid ging zurück. Sandra sagte: »Kaan, ich glaube ich störe dich gerade, aber ich wollte mich nur noch mal für heute bedanken.«

Er stand im Korridor und hörte ihre Stimme und hielt den Kompass in der Hand, und die Nadel zeigte in ihre Richtung, oder er bildete es sich ein, oder es spielte keine Rolle was von beidem stimmte.


Im Auto auf dem Heimweg hielt Halid den Kompass in seiner eigenen Hand.

Kaan hatte ihn ihm gezeigt. Halid drehte ihn hin und her, betrachtete ihn, reichte ihn zurück.

»Was hat sie dir geschenkt?«

»Einen Kompass.«

»Hey.« Halid sprach mit dieser Betonung die er hatte wenn er eine Anspielung machte und keine. »Was will sie dir damit sagen?«

Kaan antwortete nicht.

»Was ist los?«

»Gar nichts. Was soll sein?«

»Du bist doch nicht blind, oder? Sie steht auf dich.«

Schweigen.

»Hängst du noch an Aneta?«

Kaan blickte Halid an. Nicht böse. Nur so wie man jemanden anschaute wenn man ihm signalisieren wollte dass er die falsche Frage gestellt hatte. Halid verstand es sofort.

»Okay, falsche Frage. Dann sag mir einfach ob sie dir gefällt oder nicht.«

»Sie ist sehr hübsch, intelligent.«

»Intelligent, hübsch? Kollege, sie ist nicht nur intelligent, sondern auch bildhübsch!« Halid lachte kurz. »Fast wie ein Model.«

»Ja ich weiß. Aber lass uns später darüber reden.«

»Na gut. An deiner Stelle würde ich sie mir nicht entgehen lassen. Aber ich will dich auf keinen Fall beeinflussen. Du entscheidest.«

Halid hielt am Straßenrand vor der Sporthalle an. Kaan griff nach der Türklinke.

»Hey, bevor ich’s vergesse — danke für die Überraschung. Und entschuldige wegen gestern Abend. Es ging nicht anders. Erzähle ich dir später.«

»Kein Grund zu danken. Dann reden wir Montag darüber.«

Kaan stieg aus. Die Nacht war kalt. Er stand kurz neben dem Auto und hörte wie Halid wegfuhr, und dann stand er allein auf dem Bürgersteig.

Er hielt den Kompass in der Hand.

Die Nadel zeigte Norden.

Oder irgendeine Richtung — er wusste noch nicht wie man ihn benutzte. Das würde Hülya ihm zeigen. Das hatte er versprochen.

Er steckte den Kompass in die Jackentasche und ging.