Kapitel 11

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Zwei Wege

Essen / Bochum — Gegenwart

Sie hatte rote Handschuhe an.

Das war das Erste was Kaan sah als er sie vor dem Hinterausgang des Essener Hauptbahnhofs erblickte — die roten Handschuhe, dann den gestrickten Schal, die Strickmütze, die riesige Umhängetasche die sie mit einer bestimmten Selbstverständlichkeit trug als wäre sie leichter als sie aussah. Sandra ging mit kleinen Schritten, schaute sich um, das Handy am Ohr.

Er winkte.

Sie sah ihn. Und etwas in ihrer Haltung veränderte sich — kaum, aber er sah es, diese kleine Verschiebung die passierte wenn jemand aufgehört hatte zu suchen weil er gefunden hatte was er suchte.


In der Wohnung hing sie ihren Mantel nicht selbst auf.

Kaan nahm ihn. Das machte er ohne nachzudenken, so wie er Dinge machte die er für selbstverständlich hielt — er öffnete die Tür, schloss sie, hängte den Mantel auf.

»Soo. Willkommen bei mir. Das ist mein Zuhause.«

Sandra schaute sich um. Der Korridor der gleich ins Wohnzimmer überging. Die Glasfront mit den dünnen Gardinen. Die Holzschnitzereien an der Wand — Miniaturen, kleine Objekte, Dinge die jemand über Jahre gesammelt hatte oder geschenkt bekommen, Dinge die keine Geschichte erzählten aber eine hatten.

Dann das Foto.

Ein Junge, zehn, elf Jahre alt, mit einem sechseckigen Drachen in der Hand — und neben ihm ein Mann in den Dreißigern. Sandra betrachtete es. Den Jungen mit dem Drachen. Das Gesicht das sie kannte und noch nicht kannte, das Gesicht von jemandem der noch nicht der war der er geworden war und es trotzdem schon war, irgendwie, in den Augen.

Sie holte einen Kuchen aus der Tasche.

Eine dünne Kerze. Ein Feuerzeug. Sie steckte die Kerze in den Kuchen und zündete sie an, und als Kaan ins Zimmer zurückkam mit dem Handy am Ohr und dem Gespräch das er beendete, sah er sie.

Sah den Kuchen. Die brennende Kerze.

Sandra stand auf. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«

Sie umarmten sich kurz. Kaan holte Tee und Kaffee und Knabbereien. Sie setzten sich und redeten — über die Wohnung, über die Möbel die er vom Flohmarkt hatte und von seinen Eltern, über das Kanapee im Retrostil das er seltsamerweise mochte.

Dann sah Sandra die Shisha.

»Eine schöne Shisha hast du!«

»Ist ein Geschenk von Halid. Er hat sie aus Syrien mitgebracht.«

»Vor Jahren habe ich auch eine gehabt.«

»Als Student besaß, glaub ich, fast jeder von uns eine — natürlich für andere Zwecke als heute.«

Sie lachte. »Heißt das etwa dass man mit dem Alter opportunistischer wird?«

Er dachte einen kurzen Moment nach. »Vielleicht. Jedenfalls ist diese hier die Beste die ich bis heute gesehen habe. Wollen wir mal ausprobieren?«


Die Shisha machte einen Raum aus dem Wohnzimmer.

Kaan bereitete sie vor, holte verschiedene Tabaksorten, zündete die Kohle auf dem Balkon an. Sandra wählte Apfel mit Orange gemischt. Sie rauchten und versuchten Figuren aus dem Rauch zu machen und lachten wenn es nicht gelang, und die Kohle glühte heller und der Rauch wurde dichter und Sandra hielt sich irgendwann den Kopf.

»Uiiihh. Du hast recht. Es dreht sich allmählich.«

»Gehts dir gut?«

»Kann ich kurz auf den Balkon?«

Kaan nahm ihre Hände und half ihr aufzustehen. Öffnete die Balkontür. Sandra trat hinaus in die Luft.

Er holte eine Decke.

Er legte sie ihr um die Schultern und trat einen Schritt zurück. Sandra öffnete die Decke.

»Ist dir nicht kalt?«

»Ein bisschen schon.«

Sie rief ihn zu sich. Er trat unter die Decke. Neben ihr, auf dem Balkon, die Stadt vor ihnen, die Luft kalt und klar. Sandra ergriff langsam seine Hand neben sich.

Sie schwiegen. Sie schauten auf die Aussicht. Schmiegten sich aneinander, ganz langsam, wie etwas das keine Entscheidung war sondern einfach die natürliche Richtung in die zwei Körper gingen wenn sie nebeneinander standen und aufgehört hatten dagegen anzugehen.

Kaan umfasste ihren Rücken.

Sie standen so, in der Decke, auf dem Balkon, in Essen, und draußen war die Stadt und drinnen war die Wohnung und alles was darin war — die Holzschnitzereien, das Foto mit dem Drachen, die Shisha, der Tee — und keines davon spielte in diesem Moment eine Rolle.


Am Abend kochte Kaan.

Sandra saß in der Küche und unterhielt sich mit ihm während er am Herd stand. Der Backofen summte. Eine Suppe kochte. Sandra beobachtete seine Hände — wie er rührte, abschmeckte, die Töpfe kontrollierte mit der Sicherheit von jemandem der wusste was er tat.

Beim Essen lief Musik — Mavisakal, Redd, U2, eine Mischung die Kaan aus seiner abgespeicherten Songliste spielte, Anatolien Rock und aktueller Rock, und Sandra hörte zu und aß und trank den Wein und sagte am Ende:

»Sag nicht dass du das zum ersten Mal gekocht hast!«

»Nein. Das koche ich zum zweiten Mal.«

»Soll ich dir das jetzt glauben?«

»Das meine ich ernst. Ein Mal für meine Eltern und jetzt für dich.«

Sie schauten sich an und lächelten, und es war so wie manches zwischen ihnen war — leicht auf der Oberfläche und darunter etwas anderes, etwas das beide bemerkten und über das keiner sprach.

Nach dem Essen saßen sie nebeneinander auf dem Sofa. Kaan stand auf, holte eine Packung aus der Vitrine. Entfernte die Folie.

»Ist das türkisch?« fragte Sandra. Dann: »Nein, die Musik.«

»Ja.«

»Ich wünschte mir manchmal dass ich in solchen Momenten die Sprache einfach verstehe. Nur für ein paar Minuten.«

Sie führte die Hände vor dem Gesicht zusammen und nahm sie wieder auseinander. »Dann wieder nicht.«

Kaan hielt ihr die geöffnete Packung hin. »Der Nachtisch zu unserem Abendessen.«

»Sieht wie Zuckerwatte aus.«

»Probier es doch mal.«

Sandra nahm ein Stück. »Ganz schön klebrig. Was ist das?«

»Pişmaniye. Nichts besonderes, aber irgendwie mag ich das.«

Und dann — mitten in diesem Satz, mitten in der Stille danach — begann ein neues Lied. Sandra hörte es und hörte auf zu kauen.

»Er hat eine interessante Stimme. Ergreifend. Worüber handelt das Lied?«

Kaan stand auf.

»Worüber das Lied handelt. Das sage ich dir später. Warte mal.«

Er ging aus dem Zimmer und kam mit einer Akustikgitarre zurück. Sandras Gesicht leuchtete auf — dieses kurze, echte Aufleuchten das Gesichter hatten wenn etwas Unerwartetes ankam das man trotzdem sofort richtig fand.

Kaan setzte sich neben sie. Stimmte die Gitarre kurz. Dann begann er zu spielen.

»İki Yol. Zwei Wege.«

Er sang. Man konnte es an seinen Augen sehen — dass er es aus dem Herzen sang, aus dem Ort in ihm der keine Sprache hatte außer dieser, aus dem Ort der nur im Singen zugänglich war und sonst nirgendwo. Sandra schaute ihn an.

Und dann beugte sie sich vor.

Ohne zu zögern, ohne die kleine Zögerlichkeit die manche Momente noch hatten wenn sie noch nicht sicher waren — sie beugte sich einfach vor, weil es die einzig mögliche Bewegung war die in diesem Moment Sinn ergab.

Kaan erwiderte ihre Bewegung.

Sie küssten sich. Zuerst sanft, dann nicht mehr sanft, und die Gitarre lag irgendwo und die Musik spielte weiter und draußen war Essen und es spielte keine Rolle.


Um 08:45 Uhr betrat Kaan das Schlafzimmer.

Sandra lag im Bett und schlief — friedlich, mit der Ruhe von jemandem der tief und ohne Angst schlief, die Arme leicht ausgestreckt, das Gesicht entspannt auf eine Art die Kaan selten bei ihr gesehen hatte im Wachsein.

Er stand eine Weile an der Tür und schaute sie an.

Dann ging er leise wieder hinaus.


Im Büro, 09:34 Uhr, warteten die Mandanten.

Zwei junge Männer mit afghanischen Wurzeln auf der einen Seite. Auf der anderen ein junges Paar — die Frau mit einem Baby auf dem Schoß, ein Mädchen, rund und schläfrig.

Kaan begrüßte sie. Ging ins Zimmer. Das syrische Paar ihm gegenüber am Schreibtisch, das Baby zwischen ihnen.

»Yurt dışı kararı, mahkemenin karşısına çıkana kadar geçersiz.« Die Ausweisung ist bis zum Gerichtstermin ungültig. »Mahkemede de sorun çıkacağını zannetmiyorum, çünkü Suriye’deki durum belli.«

Der Mann sprach mit Akzent, leise, beschämt: »Size borcumuzu nasıl öderiz? Hiç bir şeyde ödeyemedik.«

Kaan schaute auf das Baby.

»Rica ederim. Karşılık gözetmeden yapıyoruz tüm bunları.« Dann, zu dem kleinen Mädchen: »Yeterki küçük kızımız güvende olsun.« Hauptsache ihre kleine Tochter wächst in Sicherheit auf.

Das Paar schaute ihn an. Der Mann nickte langsam. Die Frau hielt das Baby fester.

Kaan schaute auf die Akte.


Abends im Café Paolazio.

Er und Halid aßen Pasta, das Café füllte sich langsam. Halid wischte sich den Mund ab und legte die Serviette hin.

»Sie wollen dass ich zum Vorsitzenden werde.«

»Wer?«

»Wer wohl. BASA.«

Kaan dachte nach. »Du weißt doch genau warum sie das von dir wollen.«

»Warum?«

»Weil sie wissen dass du nicht Nein sagen kannst. Dein Arbeitsaufwand wird sich mehr als verdoppeln. Wir tun bereits jetzt mehr als nötig.«

Halid lehnte sich zurück. »Komm, jetzt bist du an der Reihe. Erzähl warum du nicht zum Bowlen gekommen bist.«

Kaan trank einen Schluck Wasser. Stellte das Glas ab.

»Ich war bei einer Lesung.«

»Und?«

»Und… habe dort Sandra getroffen.«

Halid schaute ihn an. Man konnte an seinem Gesicht sehen wie es arbeitete — die Sekunde des Nichterkennens, dann das Erkennen, dann das Verstehen. Alles in einem Atemzug.

»Sandra?«

Er sagte nur das eine Wort. Und dann schauten sie sich an, und aus der Ferne sah man wie sich beide darüber unterhielten — leise, am Fenster, mit dem Bermudadreieck draußen und dem Café um sie herum, das Gespräch das kein Ende hatte und das beide wussten dass es keines haben würde.