Kapitel 12
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Berlin
Düsseldorf / Bochum / Berlin / Köln — Gegenwart
Sandra saß im Düsseldorfer Café und schaute nach draußen.
Patricia kam etwas später als geplant, formell angezogen, und Sandra stand auf und sie umarmten sich, und der Kellner räumte die leeren Gläser ab und brachte die neue Bestellung, und dann saßen sie sich gegenüber mit der Vertrautheit zweier Menschen die sich lange kannten und keine Vorbereitung brauchten.
»Also, deine Entscheidung steht noch nicht fest, sehe ich.«
»Du weißt ja.« Sandra hielt ihren Becher. »Düsseldorf war für mich so gut wie erledigt. Deshalb habe ich andere Optionen gesucht. Aber ich muss so oder so weg aus Berlin.«
»Frank.«
Sandra nickte.
»Belästigt er dich immer noch weiter?«
»Ja. Er taucht immer wieder auf. So als ob er gar nicht ausgezogen wäre.«
»Das ist doch krank. Was stimmt denn nicht mit dem?«
Ein kurzes Schweigen. Draußen die Düsseldorfer Straße, Menschen die vorbeigingen, eine Stadt die weiterlief unabhängig davon was drin steckte.
»Glaubst du an Bestimmungen?«
Patricia schaute sie an. »Wieso?«
»Ich will es einfach wissen.«
Patricia überlegte. Dann: »Ich weiß nicht. Aber wenn du mit Bestimmung Kaan meinst — immer wenn wir uns damals zufällig über den Weg gelaufen sind, konnte ich an seinem Blick sehen dass er dich nicht vergessen hat. Ich denke das ist immer noch so.«
Sandra blickte einen kurzen Augenblick aus dem Fenster.
Dann trank sie ihren Kaffee.
Reyhan öffnete die Haustür.
Sie sah Kaan und lächelte — dieses bestimmte Lächeln das sie für ihn hatte, das keine Begrüßung war sondern etwas Tieferes, die Freude von jemandem der wusste dass dieser Mensch immer wiederkommen würde und der sich trotzdem jedes Mal freute als wäre es das erste Mal. Sie umarmten sich sobald er eingetreten war.
Kaan blieb kurz im Flur. Er hörte etwas aus der Werkstatt — das leise Geräusch von Schmirgelpapier auf Holz. Er öffnete die Metalltür.
Celal stand an der Werkbank.
Das Zimmer roch nach Holz und nach Celal, nach dieser Mischung aus Sägemehl und dem bestimmten Geruch von Händen die lange mit Material gearbeitet hatten. Kleine Holzstücke auf dem Boden, Späne, Werkzeug. An den Regalen an der Wand standen Dinge die Celal gemacht hatte — kleine Objekte, Miniaturen, manche fertig, manche noch in Arbeit.
»Möge es dir leicht von der Hand gehen.«
»Danke.« Celal schmirgelte weiter, ohne aufzuhören. »Wann bist du gekommen?«
»Eben. Vor ner Viertelstunde.«
Er schaute sich die Regale an. Die Geduld die darin steckte — Stunde für Stunde, Abend für Abend, Celals Hände die Dinge aus Holz machten weil das Holz eine Antwort hatte auf eine Frage die er nicht in Worte fassen konnte.
»Ich bin gleich fertig«, sagte Celal. »Geh du schon mal hoch.«
Beim Abendessen: gefüllte Teigtaschen, Pasteten, Salat.
Kaan schaute seine Mutter an. »Ellerine sağlık.« Mögen deine Hände kein Leid erfahren.
»Afiyet olsun«, sagte Reyhan.
Dann: »Und wie war’s in der Klinik?«
Celal antwortete ohne aufzuschauen vom Teller. »Nichts Neues. Wärme, Kälte, Massagen, Krankengymnastik. Drei Wochen lang.«
»Aber irgendwie siehst du viel besser aus.«
Celal zog seinen rechten Strumpf aus. Konzentrierte sich. Und dann — mit sehr viel Mühe, langsam, aber sichtbar — bewegte er die Zehen.
Kaan schaute es an. Wandte sich lächelnd seiner Mutter zu. »Hast du es auch gesehen?«
Reyhan lächelte und nickte. Es war das Lächeln von jemandem der etwas schon gewusst hatte und wartete darauf dass auch der andere es wusste.
Beim Aufbruch standen drei Müllsäcke neben der Haustür.
Zwei schwarz, einer blau.
»Was ist das?«
Reyhan schaute ihn kurz an. »Altkleider. Der blaue gehört dir. Aneta hat sie gestern mitgebracht. Bring sie zu meiner Mutter, sollst du ihr gesagt haben.«
Kaan stand still.
Dann wühlte er in der blauen Tüte. Seine Hände fanden etwas — Stoff, vertraut, das bestimmte Gewicht von etwas das er gut kannte. Er zog es heraus.
Sein Parka. Der aus den Studienjahren. Der den er immer getragen hatte, damals, in Bochum, auf dem Campus, in der Nacht.
Er hielt ihn eine Weile in den Händen.
Dann legte er ihn zurück.
»Morgen ist Altkleidersammlung«, sagte Reyhan. »Soll ich sie alle abgeben?«
Kaan nickte.
Im Dortmunder Hafen war es warm.
Sie saßen an einem Tisch am Fenster, von wo aus man in der Ferne das Wasser sehen konnte, und aßen und schauten sich an mit dieser Art von Anschauen die keine Fragen stellte sondern einfach da war. Dann begannen die Musiker auf der kleinen Bühne.
Reggae. Warm, treibend, die Art von Musik die den Raum veränderte ohne dass man wusste wann es passiert war.
»Sie wollen dass ich nächstes Semester anfange.«
Kaan sah sie an. Auf seinem Gesicht etwas das er nicht kontrollierte — diese kindliche Freude die manchmal durchkam wenn ihn etwas wirklich traf. »Die Kunstakademie?«
»Ja.«
»Möchtest du?«
Sandra hielt ihren Weinglas. »Ich habe bis Montag Zeit um mir das zu überlegen. Fahre aber morgen erstmal nach Berlin.«
Der Raum füllte sich mit Menschen die tanzten. Kaan und Sandra gingen näher zur Bühne, folgten dem Rhythmus, und mit fortschreitender Zeit schmiegten sie sich aneinander und tanzten langsam, und draußen war der Hafen und drinnen war die Musik und der Rest spielte keine Rolle.
In Sandras Berliner Wohnung war es dunkel.
Sie kam durch die Wohnungstür, Handy am Ohr, Kaan noch in der Leitung von vorhin. Aus dem Wohnzimmer drang Kerzenlicht.
»Ja, jetzt gerade wird gezählt«, sagte Kaan.
Sandra trat ins Wohnzimmer.
Der runde Tisch in der Ecke — gedeckt, Wein, brennende Kerzen. Und in dem Sessel am anderen Ende des Zimmers: Frank. Blond, lang, dreißig, ruhig sitzend als wäre das hier sein Zimmer und sie die Besucherin.
»Verstehe.« Ihre Stimme war flach. »Kaan, kann ich dich später zurückrufen.«
»Ja klar. Bis dann.«
»Bis dann.«
Sie legte auf. Schaute Frank an.
»Was suchst du denn hier?«
Frank stand auf. Ruhig, ohne Eile, als hätte er das geübt oder als wäre Ruhe das einzige was er ihr noch anbieten konnte. »Weißt du nicht welcher Tag heute ist? Wir feiern unser fünfjähriges.«
»Frank.« Ihre Stimme wurde lauter. »Wir sind seit einem Jahr getrennt. Wann akzeptierst du das endlich? Du kannst nicht einfach nach Lust und Laune in meiner Wohnung auftauchen. Es reicht. Gib mir sofort deinen Schlüssel zurück.«
Er zog einen Stuhl zurück. »Setz dich bitte. Das Essen wird kalt.«
»Gib sofort die Schlüssel her.«
»Okay. Aber setz dich bitte zuerst. Dann können wir darüber reden.«
»ES GIBT NICHTS MEHR ZU REDEN.«
Frank blieb ruhig. Zu ruhig — die Ruhe von jemandem der sich auf dieses Gespräch vorbereitet hatte oder der nicht mehr unterscheiden konnte zwischen Ruhig-Sein und Nicht-Hören. »Ich habe Tomatensuppe gekocht. Mit Mozzarella, so wie du sie magst.«
»NEIN. ES HAT KEINEN ZWECK. ICH GEHE JETZT.«
Als sie sich abwandte stürzte Frank den Tisch um.
Alles was darauf war — der Wein, die Kerzen, das Essen, das er gekocht hatte, das Abendessen das kein Abendessen war sondern ein Argument — alles auf dem Boden. Frank ging eilig aus dem Zimmer. Die Haustür. Dann Stille.
Sandra stand in der Mitte ihres Wohnzimmers und schaute auf den Boden.
Auf die Tomatensuppe.
Auf die Kerzen die erloschen waren.
Auf alles was man ihr hingestellt hatte als wäre es ein Geschenk.
In Köln, in einem Konferenzsaal, saß Kaan in einer Ecke.
Er beobachtete das Treiben. Die Menschen, die Gruppen, das Reden und Abstimmen und Warten. Dann trat ein Funktionär ans Mikrofon.
»Halid Morad ist zu unserem neuen Vorsitzenden gewählt worden.«
Halid war sofort von Menschen umgeben. Studenten, Paare, Menschen die er kannte und die er nicht kannte. Unter den Gratulanten — Kaan erkannte sie — die zwei afghanischen jungen Männer die vor einigen Tagen in seinem Büro gesessen hatten.
Dann trat Halid ans Mikrofon.
»Ich halte meine Rede so kurz wie möglich, denn es ist Samstagabend und viele kommen von sehr weit her. Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen die heute hier anwesend waren. Und hoffe dass ich Ihrem Vertrauen gerecht werden kann.«
Eine Pause.
»Selam Aleykum.«
Kaan schaute von seiner Ecke zu. Halid in der Mitte des Saals, umgeben von Menschen, mit dem Ausdruck von jemandem der gerade etwas Größeres als sich selbst angenommen hatte und der noch nicht genau wusste wie das werden würde.
Kaan dachte: er kann nicht Nein sagen. Das hatte er ihm gesagt. Und Halid hatte ihm Recht gegeben und es trotzdem getan.
Das war auch Halid.