Kapitel 13

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Der Sturz

Sauerland / Düsseldorf / Berlin — Gegenwart

Der Wald roch nach feuchter Erde und nach etwas das Kaan nicht benennen konnte — nicht unangenehm, eher das Gegenteil, der Geruch von Dingen die lange da waren und das wussten.

»Bist du bereit?«

»Ich fühl mich gigantisch.«

»Dann bitte den Kompass.«

Hülya hielt ihn in der Hand und erklärte — die Nadel, die Richtung, wie man das Gelände las, wie man sich nicht verlief wenn die Bäume alle gleich aussahen. Kaan hörte zu. Er hörte wirklich zu, nicht mit der halbabwesenden Aufmerksamkeit von jemandem der eigentlich schon wusste was er tun würde, sondern echt, weil Hülya erklärte wie jemand der etwas kannte und es weitergeben wollte.

Sie stiegen.

Der Wald um sie wurde lichter je höher sie kamen, zwischen den Bäumen schien die Sonne in schrägem Licht. Hülya machte eine gute Figur — das sagte Kaan ihr, und sie sagte ihm dasselbe, und sie lachten kurz, und dann stiegen sie weiter.

»Dinlenmek istersen haber ver«, sagte Hülya.

»Şimdilik iyi gidiyo«, antwortete Kaan.

Der Hang wurde steiler.

Kaan achtete auf den Boden — nasse Erde, Wurzeln, Stellen die trügerisch aussahen, fester als sie waren oder weicher. Er achtete darauf und dann achtete er für einen Moment nicht mehr darauf und sein Fuß fand einen Fleck der nicht hielt und er rutschte und verlor das Gleichgewicht und dann war da kein Boden mehr unter ihm sondern der Hang und er überschlug sich, einmal, zweimal, und blieb irgendwann an Bäumen hängen.

»KAAN. KAAN.«

Hülyas Stimme. Er hörte sie und hörte sie nicht, weil da ein Nebel war der zwischen ihr und ihm lag, nicht unangenehm, nur dicht. Dann nichts mehr.


Sandra kaufte in Berlin Düsseldorfer Wohnungen.

Das klang merkwürdig und war es auch — sie saß an ihrem iMac in der Berliner Wohnung und schaute sich Maisonetten an, Grundrisse, Terrassenbilder, Preise die sie in Tabellen eintrug. Es war eine seltsam konkrete Tätigkeit für etwas das noch keine Form hatte, aber manchmal brauchten Dinge diese Konkretion, dieses Handlungsähnliche, um real zu werden.

Sie nahm das Handy. Rief Kaan an.

Es klingelte. Klingelte weiter. Niemand nahm ab.

Sie legte auf.


Hülya hielt Kaans zertrümmertes Handy in der Hand.

Das Display zersplittert, unlesbar. Sie versuchte es anzunehmen, zu drücken, irgendetwas — es funktionierte nicht. Das Handy klingelte weiter in ihren Händen, stumm nach außen, und dann hörte es auf.

Im Krankenhaus genähte Stiche, Jodtinktur, eine Ärztin die mit sachlicher Stimme sagte: über Nacht behalten.

»Ich möchte nach Hause fahren.«

»Davon rate ich Ihnen ab.«

»Danke. Aber ich will gehen.«

Die Ärztin ließ es unterschreiben. Dann wandte sie sich Hülya zu: er dürfe nicht unbeaufsichtigt sein und keinesfalls Auto fahren.


In Kaans Wohnung lief der Fernseher mit niedriger Lautstärke.

Hülya schlief in dem großen Sessel — eine dünne Decke über ihr, der Kopf leicht zur Seite geneigt, die Müdigkeit von jemandem der einen langen und unerwarteten Tag hinter sich hatte. Kaans zertrümmertes Handy auf dem Beistelltisch leuchtete immer wieder auf. Jemand rief an, wieder und wieder.

Dann klingelte das Festnetz.

Hülya wachte erschrocken auf, griff schnell nach dem Telefon um zu verhindern dass es noch einmal klingelte.

»Hallo.«

»Hallo. Entschuldigen Sie mich. Ich habe Kaan Demir angerufen. Bin ich bei Ihnen richtig?«

Hülya war noch schlaftrunken. »Ja, ist schon richtig. Aber er schläft. Soll ich ihn aufwecken?«

»Nein, nein. Ist schon gut.«

»Wer soll ich sagen hat angerufen?«

»Gute Nacht.«

Die Verbindung war weg. Hülya hielt den Hörer noch einen Moment in der Hand. Sie konnte dem schnellen Auflegen keine Bedeutung beimessen. Sie legte auf, stand auf, ging ins Schlafzimmer und schaute ob Kaan schlief.

Er schlief.

Sie beobachtete kurz wie er atmete. Dann ging sie zurück.


Am Morgen fand Kaan den Notizzettel auf der Kommode.

Guten Morgen. Ich musste leider los. Gestern Nacht hat dich eine Frau zu Hause angerufen. Sie wollte ihren Namen nicht nennen. Nur dass du Bescheid weißt.

Er stand eilig auf. Kopfschmerzen — er löste eine Aspirin auf und trank das Glas — dann das Festnetztelefon. Letzter Anruf. Er holte den Notizzettel aus seiner Tasche auf dem Sandras Handynummer stand. Verglich.

Es stimmte überein.

Er rief an. Keine Antwort. Rief nochmal an. Keine Antwort.


Am Düsseldorfer Hauptbahnhof kam der ICE.

Kaan stand auf dem Gleis und schaute die Aussteigenden ab — Gesicht für Gesicht, Tür für Tür, der Bahnsteig der sich leerte. Er lief am Gleis entlang, schaute auch an die anderen Türen. Nichts. Als er sich umdrehte und ans andere Ende blickte sah er sie — gerade auf dem Weg zur Treppe.

Er lief.

Durch die Passanten, gegen den Strom, die Treppe hinunter. Im Hauptbahnhof: der Hauptausgang, der Platz davor, niemand. Er lief wieder hinein. Blieb kurz stehen.

Und sah sie dann. In einer Bäckerei.


Im Café zwei Kaffees.

Kaan schaute sie an. »Hülya ist nicht meine Freundin. Wir waren nur zusammen beim Trekking.«

Sandra schwieg.

»Du glaubst mir nicht.«

»Ich rufe dich den ganzen Tag an, du gehst nicht ran. Dann rufe ich dich nachts zu Hause an und es geht eine Frau dran und sagt mit verschlafener Stimme dass du schläfst. Was würdest du denn denken?«

»Sie hat bei mir übernachtet weil die Ärztin das so wollte.«

»Die Ärztin?«

Kaan nahm das Handy aus der Tasche. Legte es auf den Tisch — das Display vollständig zertrümmert, kein Pixel mehr ganz. Dann beugte er sich vor, zog die Haare auseinander, zeigte ihr die Stiche am Hinterkopf.

Sandra betrachtete die Stiche.

Sie schauten sich schweigend an.


Die Wohnungssuche dauerte Tage.

Mal mochten sie eine überhaupt nicht — sahen schon von der Tür aus dass es nichts war und gingen wieder. Mal schauten sie sich um und konnten sich nicht entscheiden. Mal waren sie beide unentschlossen und lachten darüber, dieses geteilte Lachen über das gemeinsame Nichtfinden.

Sie fuhren von einem Ende der Stadt zum anderen. Schauten Anzeigen im Internet. Schauten Wohnungen. Ärgerten sich. Amüsierten sich.

Dann die Maisonette.

Hohe Wände, fast vier Meter. Geräumige Zimmer. Der Makler führte sie schnell durch — er schien es eilig zu haben, als wäre das hier Routine und nicht für jeden Besucher etwas anderes. Dann das letzte Zimmer, die Tür zur Terrasse.

Sandra trat hinaus.

Sie lehnte sich an das Geländer und sog die Luft ein. Vor ihr Düsseldorf, der Rhein in der Ferne, der Blick der sich öffnete über die wenigen Gebäude davor. Ihr Gesicht veränderte sich — das Gesicht von jemandem der gerade etwas gefunden hat das er nicht genau beschreiben könnte aber sofort erkannte.

Als der Makler den Rücken zuwandte gab Sandra Kaan ein kurzes Zeichen.

Sie lächelten sich an.


Der Transporter mit der Aufschrift Yenici Döner hielt früh morgens vor dem Gebäude.

Kaan stieg aus. Sandra wartete auf dem Bürgersteig und lächelte ihn an — dieses bestimmte Lächeln das sie hatte wenn sie etwas Unerwartetes als genau richtig empfand.

Die lange Fahrt nach Berlin: Autobahn, Schilder in der Reihenfolge Dortmund, Hannover, Magdeburg, Potsdam, Berlin. Pausen an Tankstellen, kurze Mahlzeiten, Sandra die sich manchmal an Kaan schmiegte während er fuhr und sie sich küssten und dann weiterfuhren.

Das war die Fahrt.

Nicht der Anfang oder das Ende, sondern die Fahrt selbst — dieses Dazwischen das manchmal das Beste war.


Auf der anderen Straßenseite, in einem Café, saß Frank.

Er hatte einen Kaffee vor sich. Er beobachtete wie Sandra zum Transporter ging, wie Kaan ausstieg und wie sie sich küssten und Hand in Hand ins Haus gingen.

Frank trank in Ruhe seinen Kaffee.


In Sandras Berliner Atelier: Bilder auf allen Wänden.

Kaan blieb stehen. Schaute sich um — klein und groß, abstrakt und konkret, gerahmte und ungerahmte Leinwände, Skizzen, fertige Arbeiten, Dinge in verschiedenen Stadien.

»Jetzt weiß ich warum du keiner Umzugsfirma trauen kannst.«

Er ging durch den Raum. Blieb vor einem Menschenporträt stehen und betrachtete es lange.


In dem fast leeren Zimmer schlief er auf einer Matratze.

Als der Alarm klingelte stand er auf, ging in den Korridor. Holte das Handy von der Garderobe. Schaute sich um.

Die Tür gegenüber — halb offen. Er öffnete sie einen Spalt weiter.

Ein Schlafzimmer, weiß eingerichtet. Umzugskartons auf dem Boden, geöffnet. In einem: Bilderrahmen mit Fotos. Ein Teddy mit der Aufschrift I love you. Ähnliche Dinge.

Und Fotos.

Sandra und Frank. Auf mehreren. Er schaute sie an — nicht lange, nur so lange wie nötig um zu sehen was er sah.

Dann ging er.


Berlin an einem Sonnentag war sehr lebendig.

Kaan und Sandra gingen durch die Straßen und Sandra erzählte — mit Händen und Armen, aufgeregt, zeigend, die Art von Erzählen bei der man merkte dass die Person ihren Ort liebte auch wenn sie ihn verließ. Dieser Kiosk. Diese Straße. Dieser Park. Das war ihr Berlin, das sie ihm gab.

Er hörte zu und schaute ihr beim Erzählen zu.


Vor dem neuen Gebäude in Düsseldorf, abends: Halid mit zwei Pizzakartons.

Kaan und Sandra stiegen müde aus dem Transporter. Die vier begrüßten sich, umarmten sich, und dann trugen die Männer den Transporter leer.

Halid öffnete die erste Pizzaschachtel.

»Willkommen in Düsseldorf«, sagte er.