Kapitel 14
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Istanbul
Bochum / Bodrum / Anatolien / Istanbul — Gegenwart
Kaan klopfte sachte an die Tür und trat ein.
Die Sekretärin stand lächelnd auf. »Hallo Herr Demir.«
»Hallo Frau Vollmer.«
»Professor Carstens telefoniert gerade. Nehmen Sie bitte so lange Platz.«
Noch bevor Kaan sich hinsetzen konnte öffnete sich die seitliche Tür. Carstens kam herein, herzlicher Handschlag, bat ihn ins Zimmer. Er holte den dicken verschlossenen Mappenordner aus dem Schrank. Setzte sich.
»Summa cum laude.«
Kaan lächelte leicht. Das Lächeln von jemandem der Lob nicht gut aufnehmen konnte und es trotzdem hörte.
»Was haben Sie jetzt vor?«
»Einfach das Leben genießen.«
Carstens reichte ihm die Mappe lächelnd. Kaan schaute kurz auf die Urkunde — weißes Papier, schwarze Schrift, sein Name.
»Die Feier zur Promotion war sehr festlich. Wir haben Sie dort vermisst.«
»Beim nächsten Mal vielleicht.«
Carstens stand auf, ging um den Tisch und gratulierte nochmals herzlich. Kaan bedankte sich, nahm die Mappe, ging.
Im Bochumer Park saß Celal auf einer Bank.
Zwei Krücken neben ihm, eine Stofftüte. Die Enten auf dem See. Das Licht das durch die kahlen Äste fiel. Er schaute auf das Wasser und dachte vielleicht nichts, oder er dachte sehr viel — bei Celal war das schwer zu sagen, weil sein Gesicht beides tragen konnte ohne es zu zeigen.
Kaan kam von hinten und setzte sich.
Keine Begrüßung. Kein Wort.
Er öffnete seine Tasche, holte die Mappe heraus, reichte sie seinem Vater. Celal nahm sie. Öffnete sie. Las die Urkunde ohne Eile — nicht überflog, sondern las, wirklich las, jedes Wort.
Dann legte er die Hand auf Kaans Schulter.
Strich sanft darüber.
Das war alles. Das war genug.
Im Krankenhaus lag Charlotte auf der MRT-Liege.
Sandra saß neben ihr und wartete. Dann die Liege die in das Gerät hineingezogen wurde, das laute Klopfen das Sandra kannte weil sie schon öfter dabei gewesen war. Danach im Arztzimmer, beide auf Stühlen vor dem Schreibtisch.
Der Arzt kam. Befund: keine gravierenden Veränderungen im Vergleich zu den letzten Aufnahmen.
Charlotte griff sofort nach dem Handy — wichtiger Anruf — und verließ das Zimmer. Sandra saß dem Arzt gegenüber.
»Kann ich Sie etwas fragen?«
»Sicher.«
»Können solche Symptome auch durch Verletzungen des Kopfes hervorgerufen werden? Gedächtnisschwäche?«
»Das hängt sicherlich vom Ausmaß der Verletzung ab.«
Sandra nickte langsam.
In der Maisonette roch es nach frischer Farbe und nach dem Geruch von Dingen die noch keinen Platz gefunden hatten.
Sandra hatte das obere der beiden Zimmer als Atelier eingerichtet — wie in Berlin, aber heller, die Fenster größer. Sie stand in der Mitte und schaute sich um. »Na, wie findest du mein neues Atelier?«
»Genau so habe ich mir das auch vorgestellt«, sagte Kaan. »Sieht gut aus.«
»Ich bin allmählich am Ende.«
»Womit denn?«
»Mit der Wohnung.« Sie lächelten sich an. »Endlich kann ich die ersten Gäste empfangen. Ich hab gestern mit Ramina telefoniert — ich habe sie für kommenden Samstag eingeladen.«
»Samstag! Samstag spielen wir Fußball.«
»Ich weiß. Ramina kommt gegen Mittag. Von mir aus könnt ihr beide erst nach dem Fußball kommen.«
»Sehr großzügig von dir, danke.«
Im Auto nach dem Fußball, Kaan und Halid, noch nasse Haare.
»Worüber denkst du nach?«, fragte Halid.
Kaan schwieg kurz. Dann: »Warum will sie denn plötzlich meine Eltern kennenlernen?«
»Warum wohl, Mann. Sie liebt dich und will deine Familie kennenlernen. Mach dir keine Sorgen, das wird schon gut laufen.«
Kaan schaute auf die Straße.
Am Abend saßen alle am Tisch.
Halid und Ramina, Celal und Reyhan, Sandra — Essen, Gespräche, das Geräusch von Messern und Gabeln und dem Reden durcheinander. Halid wandte sich Celal zu.
»Onkel Celal, danke für das Namensschild und den Stifteköcher.«
»Gerne.«
»Weißt du? Mit deinem Handwerk kannst du eigentlich eine Menge Geld machen.«
Alle am Tisch außer Sandra lächelten. Kaan seufzte leicht. »Nicht schon wieder. Dieses Thema haben wir doch hinter uns.«
Er erklärte Sandra kurz — der Vater, die kleine Werkstatt, das Holz, die Handwerkzeuge. Sandra schaute Celal an.
»Waren die Stücke bei Kaan zuhause auch von Ihnen?«
Celal nickte.
»Ich habe mir die Stücke etwas genauer angeschaut. Die sahen nach hochwertiger Handarbeit aus. Halid hat nicht Unrecht.«
Celal schaute die Gemälde an. »Sind die Gemälde von Ihnen?«
»Ja. Ich mache das eigentlich beruflich. Ich habe in Berlin bildende Kunst studiert.«
»Berlin. Eine schöne Stadt.« Celal schaute kurz zu Kaan und Halid. »Die beiden Jungs wollten auch in Berlin studieren. Medizin, in der Charité. Dann haben sie sich im letzten Moment anders entschieden.« Eine kurze Pause. »Keine falsche Entscheidung, wie sich jetzt herausgestellt hat.«
Er sprach so ruhig, so aus dem Herzen, dass niemand ihn unterbrach.
»Er. Er wollte zuerst nicht als Rechtsanwalt arbeiten. Dann hat er sich doch anders entschieden — aber gleichzeitig hat er auch seine Doktorarbeit geschrieben. Hat vor ein paar Tagen mit Summa cum laude abgeschlossen.«
Alle am Tisch richteten die Aufmerksamkeit auf Kaan.
Halid konnte es nicht halten. »Warum erzählst du uns nichts davon?«
Kaan wollte seinen Vater anschauen und bemerkte dabei dass ihn Sandra ansah. Dieser Blick — still, sammelnd, die Art von Blick die sie hatte wenn etwas ankam das sie noch einordnen musste.
In der Küche räumten Sandra und Ramina das Geschirr ab.
»Wusstet ihr davon nichts?«
Ramina schaute Sandra eine Weile an. »Er hat dir davon nichts erzählt?«
Sie schüttelte leicht den Kopf. »Natürlich wussten wir, dass er an seiner Doktorarbeit schreibt — aber nicht dass er sie abgeschlossen hat.«
»Das ist typisch Kaan«, sagte Ramina lächelnd. »Er mag nicht besonders gerne über sich reden. Insbesondere wenn es darum geht was er beruflich macht.«
»Ist er immer so?«
»Ja. Das ist nun mal ein Charakterzug von ihm.« Ramina betrachtete Sandras Gesicht aufmerksam. »Du brauchst Zeit.«
Sandra sah sie an. »Wenn ich dich nicht nerve — was ist denn mit seinem Vater? Er hatte doch einen Wirbelbruch.«
Ramina überlegte kurz. »Ich glaub ihr wart noch zusammen. Wieso?«
»Weil er mir damals erzählt hat dass er als Techniker unter Tage arbeitet —«
»Ja, hat er auch.«
»Doch nicht so, oder?«
Ramina schaute Sandra kurz überrascht an. »Du weißt davon nichts?«
In diesem Moment wurde die Küchentür aufgemacht. Kaan.
Sandras und Raminas Gespräch verklang.
»Kann ich meinen Eltern kurz dein Atelier zeigen?«
Im Atelier betrachtete Celal das abstrakte Gemälde.
Sandra trat zu ihm.
»Ich hätte auch gerne Kunst studiert«, sagte Celal.
»Was haben Sie denn studiert?«
»Maschinenbau. In Istanbul. Hat wenig mit Kunst zu tun.«
»Warum? Die technischen Zeichnungen kann man als eine Art Kunst bezeichnen. Oder nicht?«
Celal lächelte. Holte aus der Tasche seiner Strickjacke ein kleines sorgfältig verpacktes Päckchen.
»Das ist für Sie. Ein kleines Mitbringsel.«
Sandra öffnete es aufgeregt. Darin: die originalgetreue Miniatur einer Staffelei — aus Holz, handgearbeitet, mit der Geduld von jemandem dem das Material nichts schuldete und dem er trotzdem alles gab.
Sie hielt sie in den Händen und wusste nicht was sie sagen sollte.
Also sagte sie nichts. Das war das Richtigste.
Auf dem Weg vom Büro sah Kaan im Schaufenster eines türkischen Marktes ein Plakat.
Mavisakal. Konzert in Köln.
Er blieb stehen. Betrachtete das Foto der Band, Ort und Datum. Dann rief er Sandra an.
Im Konzertsaal standen sie eng umschlungen vor der Bühne.
Mavisakal spielten Nena und dann mehr, und mit fortschreitender Zeit gingen Kaan und Sandra weiter nach hinten, eine Flasche Bier in der Hand, und dann begann das Intro von İki Yol. Die Projektion auf der Leinwand. Der erste Gitarrenakkord.
Kaan sang mit.
Auswendig, von Anfang bis Ende, und in seinen Augen war etwas lesbar das er sonst nicht zeigte — wie bewegt er war, wie das Lied in ihm saß, wie es beides war gleichzeitig, das Lied und er, und nicht zu trennen.
Sandra stand neben ihm und sah es.
Nach dem letzten Stück: die Verlosung. Der Sänger griff in die Box. »Yetmiş dört. Seventy four.« — irgendwo hinten ein Aufschrei. Dann noch einmal. »Yüz oniki. Hundred and twelve.«
Stille. Ein Gemurmel.
Kaan schaute sich um. Und bemerkte dass Sandra ihn eindringlich anschaute. Er blickte sie fragend an.
Sie zeigte ihm die Nummer auf ihrem Ticket.
Hundertzwölf.
In Bodrum war es heiß.
Die Hitze der Ägäis traf sie sofort als sie aus der Ankunftshalle traten. Sandra stand vor der Pension auf Diwan-ähnlichen Sitzen und telefonierte entspannt, die Rucksäcke neben sich. Kaan saß am Steuer des Ford Tourneo und schaute zu ihr herüber.
»Nein Mama, er hat eine Gemeinschaftskanzlei in Bochum aber er wohnt in Essen.«
Kaan stieg aus und ging zu ihr. Sie küssten sich. Luden die Sachen in den Wagen.
Die Fahrt durch Anatolien dauerte Tage.
Manchmal Autobahn, manchmal Umgehungsstraßen, manchmal Dorfwege die mehr einem Pfad ähnelten. Aspendos, Ephesus, die Feenkamine, der Berg Nemrud, Restaurants in Antep, Nächte in Urfa, Strände des Schwarzen Meeres. Schöne Landschaften und auch schlechte Aussichten — alles zusammen, so wie Reisen immer alles zusammen waren.
»Was für eine Augenweide!«
Und dann: »Warum lebst du nicht hier?«
»Warum? Das musst du meine Eltern fragen.«
Sie redeten während der Fahrt. Über Celal der aus Istanbul geflohen war — Demos, Flugblätter, die Polizei. Über Reyhan die mit vier Jahren nach Deutschland gekommen war. Über Berlin und die Charité. Über Halid der nach der sechsten Klasse von der Hauptschule auf das Gymnasium gewechselt war und mit Kaan die einzigen Schwarzköpfe in der Klasse gewesen waren.
»Warum Medizin oder Jura?«
»Weil ich den Menschen direkt und ohne Umwege helfen möchte.«
Sie schwiegen eine Weile. Die Straße lief unter ihnen durch.
An einem hohen Felsvorsprung über dem Meer blieben sie sitzen. Sandra lehnte den Kopf an Kaans Schulter. Das Blau vor ihnen, kein Ende.
»Hättest du was dagegen, wenn ich dich meinen Eltern vorstelle?«
Kaan schaute auf das Wasser. Sagte nichts sofort.
»Nein«, sagte er dann. »Natürlich nicht.«
In einem schwarzen 5er BMW auf einer Bochumer Straße saßen zwei BKA-Agenten.
Einer am Steuer, einer mit einer Profi-Kamera. Sie fotografierten die zwei jungen Männer die an Halids Haustür klingelten. Ramina öffnete, ging ins Haus, Halid kam — und gab ihnen einen Umschlag. Vier 500-Euro-Scheine.
Die Agenten fotografierten alles.
Was folgte war nicht in einem Satz zu fassen.
Die zwei Afghanen kauften Dünger in einem Baumarkt, und im Kofferraum ihres alten Kombis lagen bereits LPG-Stahlflaschen, und die BKA-Agenten fotografierten alles vom schwarzen 5er BMW aus — das Nummernschild, die Gesichter, den Gang über den Parkplatz. Sie hatten Monate gewartet. Geduldig, methodisch, mit der Sorgfalt von Menschen die wussten dass ein einziger Fehler die gesamte Ermittlung zunichtemachen würde.
Dann machte ein Polizist auf Motorrad alles kaputt.
Eine rote Ampel, eine Routinekontrolle, ein Kofferraum der aufging und Misstrauen weckte — und plötzlich war die Observation offen die hätte geschlossen bleiben sollen. Die Afghanen flohen. Verfolgungsjagd quer durch Bochum. Barrikade. Verhaftung.
»Dieser Idiot macht alles kaputt«, sagte einer der Agenten. Aber es war zu spät.
Und im Verhörraum, Stunden später, legten sie den Afghanen ein Foto auf den Tisch. Halid Morad vor seinem Haus. Der Umschlag in der Hand. Vier 500-Euro-Scheine.
Die Afghanen verstanden sofort was das Foto bedeutete — und was es für ihre eigene Aussage bedeuten würde.
Das alles geschah während Kaan und Sandra über die Bosporus-Brücke fuhren. Während Istanbul unter ihnen lag. Während Sandra aus dem Fenster schaute und schwieg weil es Momente gab die keine Kommentare brauchten.
Gleichzeitig. In einer anderen Stadt. Ohne dass irgendjemand der Beteiligten es ahnte.
Die Bosporus-Brücke war lang.
Aus der Vogelperspektive — das blaue Wasser, die zwei Seiten der Stadt, das Licht das auf allem lag. Sandra schaute aus dem Fenster und schwieg, weil es Momente gab die keine Kommentare brauchten.
Kaan fuhr und schaute manchmal kurz zu ihr.
Das Fischrestaurant am Bosporus roch nach Holz und nach dem Meer.
Dunkle Holzwände schulterhoch. Kellner in schwarzen Hosen und weißen Hemden. Kaan und Sandra saßen an einem Tisch direkt am Wasser und aßen Fisch.
An der Bar verfolgten zwei Kellner die Fernsehnachrichten.
»Kıskıvrak yakalamışlar. Bomba hazırlıyolarmış.«
Kaan hörte es halb. Schaute kurz hin. Die Bilder auf dem Bildschirm — Verhaftungsszenen, Fotos zweier junger Männer, der Hinweis auf Bombanyverdacht.
Der Kellner brachte die Teller. »Başka bir arzunuz var mı?«
»Hayır, teşekkürler.«
»Afiyet olsun.«
Sie aßen. Das Wasser vor ihnen bewegte sich. Istanbul um sie herum, laut und lebendig und gleichgültig.
In Hülyas Wohnung öffnete sich die Tür.
Hülya sah Kaan und Sandra. Sie lächelten sich an.
»Kommt rein. Ich habe versucht euch anzurufen.«
Kaan griff in seine Tasche. »Ich glaube ich hab mein Handy im Hotel vergessen. Sandra nimmt sowieso kein Handy mit.«
Sandra reichte Hülya den Blumenstrauß.
Die Terrasse hatte weiße und cremefarbene Fliesen die in der Sonne blendeten. Von hier sah man Straßen, Gassen, das ferne Getümmel der Stadt, und wenn die Sonne gut stand auch den Bosporus.
Sie frühstückten zu dritt unter einem großen Schirm. In einer Ecke der Terrasse stand ein Fernseher, Lautstärke sehr niedrig.
Kaan stand kurz auf — Hülya zeigte ihm die zweite Tür links.
Sandra und Hülya blieben allein.
»Ramina hat erzählt dass ihr eine kleine Runde hinter euch habt.«
»So klein ist sie eigentlich nicht. Aber man braucht etwas mehr Zeit für so eine Tour.«
»Wie lange wollt ihr noch in Istanbul bleiben?«
»Noch zwei Tage. Dann müssen wir zurück nach Bodrum.«
Als Kaan zurückkam sagte er: »Ich glaube dein Handy hat eben geklingelt.«
Hülya zuckte gleichgültig die Schultern.
Dann klingelte das Festnetz. Hülya reagierte zunächst nicht. Erst als es nicht aufhörte stand sie auf und ging hinein.
Kaan schaute auf den Fernseher in der Ecke. Die Aufnahmen der beiden afghanischen Studenten, dieselben Bilder die er schon gestern im Fischrestaurant gesehen hatte. Die Stimme des Nachrichtensprechers sehr leise, fast unhörbar.
Er nahm die Fernbedienung vom Tisch.
Machte den Ton lauter.
»…Es wurde mitgeteilt, dass auch ein Anwalt türkischer Herkunft namens Halid Morad in Untersuchungshaft genommen wurde mit der Anklage, den beiden afghanischen Studenten, die wegen der Vorbereitung eines Bombenanschlags verhaftet worden sind, unterstützt zu haben.«
Die Fernbedienung lag noch in Kaans Hand.
Er saß still und ließ die Worte ankommen — nicht alle auf einmal, eher so wie schwere Dinge ankamen, langsam, mit dem Gewicht das sie hatten.
Sandra sah sein Gesicht.