Kapitel 15
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Die Haftbeschwerde
Bochum / Düsseldorf — Gegenwart
Das Zimmer hatte kein Fenster.
Das war das Erste was Kaan registrierte — nicht bewusst, eher mit dem Körper, dieser leichten Enge die Räume ohne Fenster hatten, dieses Wissen dass die Luft dieselbe blieb egal wie lange man wartete. Graue Wände. Ein Tisch. Zwei Stühle. Der Geruch von etwas Institutionellem das keinen Namen hatte aber sofort erkennbar war.
Er wartete.
Dann öffnete sich die Tür.
Halid. In Begleitung eines Polizisten der Kaan mit der Aufmerksamkeit von jemandem musterte der seinen Job ernst nahm. »Halbe Stunde«, sagte der Polizist. Dann verschwand er und die Tür fiel zu.
Kaan und Halid sahen sich an.
Einen Moment lang — nur das. Dieser Blick zwischen zwei Menschen die sich seit dem Gymnasium kannten, die in derselben Klasse die einzigen Schwarzköpfe gewesen waren, die zusammen Jura studiert und eine Kanzlei aufgebaut hatten und die jetzt in einem fensterlosen Zimmer des BKA saßen weil irgendjemand irgendwo eine Brücke gebaut hatte wo keine Brücke sein sollte.
Dann standen sie auf und umarmten sich.
Kaan öffnete die Ermittlungsakte. Die Fotos stachen sofort ins Auge — Halid vor seinem Haus, der Umschlag in der Hand, die Geldübergabe in einer Qualität die bewies dass jemand mit Profi-Ausrüstung lange gewartet hatte. Kaan hielt die Fotos in der Hand und spürte das Gewicht davon — nicht das Papiergewicht, sondern das andere.
»Ich kann heute mit großer Wahrscheinlichkeit nicht verhindern dass die U-Haft weitergeht.«
Halid sah ihn an. Dann lächelte er — dieses bestimmte Lächeln das er hatte wenn etwas zu groß war um es wirklich zu fassen, wenn der Verstand sich weigerte und das Lächeln einsprang als Überbrückung. »Was sind denn ihre Vorwürfe? Ich sehe keinerlei Delikte. Das alles sind doch bloße Vermutungen.«
»Wäre dies ein normales Strafverfahren hättest du recht.« Kaan legte die Fotos auf den Tisch zwischen ihnen. »Aber wenn sie davon ausgehen dass ein Bombenanschlag vorbereitet wurde werden sie äußerst vorsichtig sein. Sie bauen eine Brücke. Sie denken sie haben ein Puzzle vor sich — und du bist sehr wahrscheinlich ein Teil davon.«
In Halids Gesicht war dieser Ausdruck — das Nicht-Wollen- Verstehen, das Wissen und gleichzeitig Nicht-Wahrhaben- Können. Kaan kannte diesen Ausdruck. Er hatte ihn selbst oft genug gehabt.
Die halbe Stunde verging zu schnell.
Sie umarmten sich wieder als der Polizist zurückkam — kurz, fest, die Art von Umarmung die keine Worte brauchte weil sie selbst das Wort war.
Kaan verließ das Zimmer.
Im Wohnzimmer von Halids Haus saß schweigen auf allen Gesichtern.
Halids Eltern Ayla und Mahmud. Reyhan und Celal. Ramina. Der Fernseher lief und auf dem Fernseher lief Halids Name immer wieder durch — neben den Bildern der Afghanen, neben dem Wort Untersuchungshaft, neben Kaan selbst der als Halids Anwalt eingeblendet wurde. Ayla wischte sich die Tränen mit der Hand ab ohne sie wischen zu wollen, einfach weil die Hand dorthin fuhr.
Kaan schaltete den Fernseher aus.
Mahmud fragte was die Studenten ausgesagt hatten.
Kaan erklärte es. Ruhig, vollständig — das Cannabis in dem alten Lager, der vorgetäuschte Grund mit den Familien in Afghanistan, das Geld das Halid in gutem Glauben gegeben hatte ohne zu wissen wofür. Die Erde, der Dünger, die Gasflaschen. Das BKA das die Ermittlung nicht hatte abschließen können. Halid als Vorsichtsmaßnahme weil das Gericht fürchtete er könnte Beweismittel vernichten.
»Vorsichtsmaßnahme?«
Das Wort ließ sich Mahmud auf der Zunge. Er schmeckte es. Sein Gesicht wurde ruhiger mit jedem Satz den Kaan sprach — nicht beruhigt, sondern die andere Ruhe, die kam wenn ein Mensch etwas Ungerechtes vollständig verstanden hatte und keine Kraft mehr aufbrachte dagegen anzugehen.
Er nahm seine Brille ab.
Stand auf ohne ein Wort und verließ das Zimmer.
Kaan sah ihm nach und spürte in diesem Rücken mehr als er in vielen Gesprächen gespürt hatte — die Last eines Vaters der nicht helfen konnte.
An einem entlegenen Ort auf der Straße hielt das Auto.
Kaan saß einen Moment lang einfach da. Die Hände am Steuer. Die Nacht draußen. Dann stieg er aus.
Und schrie.
Aus vollem Hals gegen die Nacht, gegen das Wort Vorsichtsmaßnahme das sich in seinem Kopf eingenistet hatte, gegen die Fotos in der Akte, gegen Halids Gesicht hinter dem Besucherzimmerglas, gegen die halbe Stunde die zu kurz gewesen war. Er bäumte sich auf. Schrie weiter. Bis nichts mehr kam außer Atem.
Dann lehnte er sich gegen das Auto.
Hielt die Hände vors Gesicht.
Und weinte wie ein kleines Kind — so wie man weinte wenn man aufgehört hatte stark zu sein, wenn der Körper einfach entschied dass jetzt genug war.
In der Kanzlei arbeitete er Tage lang.
Akten. Bücher. Internet. Anrufen und angerufen werden. Die Sekretärin die ein und ausging. Die Afghanen die kamen mit ihren Aussagen und wieder gingen. Die Nächte die kürzer wurden nicht weil er früher aufhörte sondern weil die Arbeit ihn nicht ließ.
Die Haftbeschwerde wuchs Satz für Satz.
Er schrieb und las und schrieb wieder, jedes Wort abgewogen wie man Dinge abwog die nicht leicht sein durften, bei denen ein Fehler etwas kostete das man nicht zurückbekam. Er las Paragraphen die er auswendig kannte und las sie trotzdem wieder weil auswendig Kennen nicht dasselbe war wie Sichersein.
Dann legte er die fertige Beschwerde vor Professor Carstens.
Carstens las. Langsam, gründlich, mit der Aufmerksamkeit von jemandem der wusste was er las. Dann sah er Kaan an mit einem leichten Lächeln.
»Ich bin seit Jahren nicht als praktizierender Strafrechtler tätig gewesen.« Eine kurze Pause. »Aber genau so würde ich die Haftbeschwerde schreiben wenn ich sie selber schreiben müsste.«
Kaan fuhr zurück ohne etwas zu sagen.
Draußen fuhr die Welt weiter.
In der Maisonette saßen sie schweigend nebeneinander.
Kaan schaute auf einen Punkt ohne wirklich dorthin zu sehen — das Woanders-Sein das er hatte seit Istanbul, seit dem Fernseher auf Hülyas Terrasse, seit dem fensterlosen Zimmer des BKA. Sandra sah es. Sie sah es schon seit Wochen und sie sagte es nicht weil sie spürte dass Worte gerade keinen Platz hatten.
»Was passiert denn jetzt?«
»Die Beschwerde ist eingereicht.«
»Gibt es keine mündliche Verhandlung?«
»Ist nicht vorgeschrieben.«
Sandra stand auf. Ging zu ihm. Legte die Arme um ihn und hielt ihn einfach — kein Wort, keine Frage, nur das Halten.
Und dann, gegen seine Schulter: »Meine Eltern wollen dich zum Essen einladen. Sie möchten dich endlich kennenlernen.«
Kaan saß in ihrer Umarmung und dachte: Noch das auch.
Vor Halids Haus hielten zwei Minibusse.
Die Haustür öffnete sich und Jamil und Sevda kamen herausgerannt — Sevda die inzwischen laufen konnte und es mit der Begeisterung tat die Kinder hatten wenn sie etwas Neues konnten, Jamil der wusste was passiert war und der trotzdem rannte, beide auf Halid zu.
Halid bückte sich.
Hielt sie beide. Die Arme um Jamil und Sevda, das Gesicht in Jamils Haaren, und in diesem Moment — in dieser Bewegung des Bückens und Haltens — war alles andere weg, die Akte, die Fotos, das fensterlose Zimmer, die halbe Stunde. Es war nur das.
Er war frei.
Im Garten des Elternhauses: Kaan und Sandra auf dem Weg zum Haus.
Kaan trug einen Blumenstrauß den er selbst ausgesucht hatte und über den er sich keine Gedanken gemacht hatte weil er wusste dass die Gedanken die falsche Richtung hatten wenn man anfing über solche Dinge nachzudenken. Er hatte einfach welche gekauft. Sandras Aufregung spürte er an der Art wie sie neben ihm ging — angespannt, den Arm manchmal an seinen gelehnt und dann wieder nicht.
Richard empfing sie. Handschlag. Ein kurzer Blick zu Charlotte — eine, zwei Sekunden — dann als wäre nichts.
Beim Abendessen: das Gespräch das kein richtiges Gespräch war sondern eine Oberfläche auf der man sich bewegte.
In der Küche: Charlotte und Sandra. Verstohlen Blicke.
»Warum hast du uns davon nichts erzählt?«
Sandra schwieg weil es keine Antwort gab die stimmte ohne gleichzeitig zu viel zu erklären — zu viel von Bochum, von dem Herbst 2001, von allem was gewesen war.
Kaan und Richard allein.
Richard trank Kaffee und fragte. Landgericht, Noten, richterlicher Dienst — die Fragen kamen einer nach dem anderen wie Schachzüge, geordnet, mit einer Absicht dahinter die er nicht aussprach.
In Kaan wuchs etwas das er kannte — diese Erschöpfung die kam wenn man zu lange Geduld aufbrachte für Dinge die keine Geduld verdienten.
»Grundgesetz Artikel 20. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.«
Kaan lächelte. Unwillkürlich, kurz.
»Wenn Sie etwas Bestimmtes wissen möchten fragen Sie mich bitte offen heraus.« Er schaute sich kurz um. »Wir brauchen uns hier nichts vorzumachen. Ich nehme an dass Sie nicht genau wussten wen Sandra Ihnen heute vorstellt.«
Er stand auf. Reichte Richard die Hand.
»Danke dass Sie mich heute hier empfangen haben. Es ist besser wenn ich jetzt gehe.«
Im Garten seine Schritte Richtung Straße.
»Kaan. Kaan. Kaannn.«
Er blieb stehen. Wandte sich nicht sofort um. Ließ ihre Stimme ankommen — das Drängende darin, das Erschrockene.
Sandra stellte sich vor ihn.
Was dann kam war kein Gespräch sondern das Aufbrechen von etwas das zu lange unter Druck gestanden hatte — ihre Wut und seine Wut und alles Ungesagte das sich angesammelt hatte seit Istanbul, seit Halids Verhaftung, seit dem Abend in Richards Wohnzimmer.
»Warum hast du ihnen nicht erzählt wer ich bin?«
»Und wieso hast du mir nichts von deinem Vater erzählt?«
»DASS ICH DER ANWALT UND FREUND VON HALID BIN. JA DAS HÄTTEST DU!«
»ICH HABE DICH WAS GEFRAGT! ER WAR DOCH AM ELFTEN SEPTEMBER IN NEW YORK! UND JETZT DIESER BOMBENANSCHLAG! SIEHST DU DAS NICHT???«
Kaan nahm ihre Hand runter. Schaute sie an — ihr tränenerfülltes Gesicht, ihre Wut die keine Wut war sondern Angst in einem anderen Kleid.
Und er sagte das Falsche.
Er wusste es in dem Moment als er es sagte — dass es das Falsche war, dass er es aus der Erschöpfung sagte und nicht aus dem was er wirklich meinte. Aber es kam trotzdem.
»Das soll heißen dass das zwischen uns nichts mehr ist.«
Sandra stand still.
Kaan schluckte seine Wut hinunter. Wandte sich ab.
Ging.
Im Boxverein: der Sandsack.
Schlag. Schlag. Schlag.
Halid kam herein. Hielt den Sack fest. Schaute ihn an.
»Wollen wir reden?«
Sie lehnten am Ring. Kaan erzählte und Halid hörte zu ohne zu unterbrechen — das Abendessen, Richards Fragen, den Garten, das was er zu Sandra gesagt hatte.
Halid schwieg als Kaan fertig war.
Dann legte er die Hand kurz auf Kaans Schulter.
Das war alles.
Manchmal war das alles.