Kapitel 16

~7 Min. Lesezeit

Loslassen

Düsseldorf / Bochum — Gegenwart

Vor dem Landgericht Düsseldorf hielt ein Krankenwagen.

Kaan sah es und registrierte es nicht — die Bahre, das blaue Licht, die Menschen die zur Seite traten, das alles das passierte während er an seinem Telefon vorbeiging. Dann klingelte das Telefon der Sekretärin. Dann seines.

»Frau Charlotte Fischer möchte mit Ihnen sprechen.«

Er hörte Charlottes Stimme und erkannte sofort etwas darin das keine Panik war sondern das Gegenteil — die Stille von jemandem der sehr viel Kraft aufwendet um ruhig zu klingen. Er fragte nicht viel. Krankenhausname. Zimmer. Wann.

Er nahm seinen Mantel.


Richard lag an einem EKG-Gerät.

Halb schlafend, das Gesicht blass in dem gleichmäßigen Licht des Krankenzimmers. Charlotte weckte ihn behutsam als Kaan eintrat, dann nahm sie ihre Tasche.

»Ich gehe dann ein bisschen nach draußen. An die frische Luft.«

Richard nickte. Wartete bis die Tür zu war.

»Bitte setzen Sie sich.«

Kaan setzte sich. Das Piepen des EKG-Geräts legte sich in die Stille zwischen ihnen — gleichmäßig, geduldig, das Geräusch eines Herzens das weitermachte.

»Wie geht es Ihnen?«

»Danke. Soweit gut.« Richard griff nach dem Wasserglas. »Ein Zwischenfall mit meinem Herzen.« Er trank. »Aber ich habe Sie nicht deswegen hierher eingeladen.«

Kaan wartete.

»Mir ist es ziemlich egal wer Sie sind, woher Sie kommen, wer Ihre Freunde sind.« Richard sprach langsam, mit der Sorgfalt von jemandem der Worte wog weil er wusste wie viel sie kosten konnten. »Mir geht es in erster Linie um meine Tochter.«

»Kennen Sie meine Tochter aus Bochum?«

»Ja. Aus der Uni.«

Was dann folgte war kein Verhör — das erkannte Kaan und Richard erkannte es wohl auch, dass das kein Verhör war sondern etwas schwierigeres: zwei Männer die beide etwas wollten und die noch nicht wussten ob das was sie wollten sich vertrug. Kaan antwortete ehrlich. Richard hörte zu mit dem Gesicht eines Mannes der gelernt hatte zu urteilen und der jetzt versuchte nicht zu urteilen.

»Ich kann Sie da ein bisschen verstehen«, sagte Kaan irgendwann. »Da taucht auf einmal jemand auf der in essentiellen Punkten stark von ihrem Idealbild abweicht.«

Richard lächelte leicht. »Wissen Sie, ich mag Ihre Direktheit. Aber ich kann Ihre Moral dahinter nicht so richtig erkennen.«

In diesem Moment öffnete sich die Tür.

Sandra.

Kaan stand auf. Reichte Richard die Hand. »Danke für das Gespräch. Gute Besserung wünsche ich Ihnen.« Dann ging er direkt an Sandra vorbei ohne sie anzusehen.

Er hörte hinter sich wie Sandra zögerte und dann zu ihrem Vater ging.

Draußen war die Luft des Krankenhauses — dieser Geruch den Kaan kannte seit Celals Nacht in Dinslaken, seit der Intensivstation, seit dem Piepen der Geräte.

Er ging.


Im Park des Elternhauses saßen Charlotte und Richard auf der Hollywoodschaukel.

Schweigend. Die Schaukel bewegte sich kaum. Sandra kam aus dem Haus und setzte sich zwischen die beiden — so wie man sich als Kind zwischen Eltern setzte, mit dem Körpergedächtnis von etwas das man als kleines Mädchen getan hatte und das man nie ganz verlernte.

Ihr Handy klingelte.

Sie holte es aus der Tasche. Kaans Name auf dem Display. Sein Foto das sie selbst gemacht hatte, irgendwann, bei einem Abend den sie nicht mehr genau erinnerte.

Sie schaute es an.

Lehnte den Kopf gegen die Schulter ihres Vaters.

Die Tränen kamen ohne Vorwarnung — nicht laut, nicht dramatisch, einfach da, aus dem Ort in ihr der schon zu lange zu voll gewesen war. Das Handy hörte auf zu klingeln. Richard hielt ihre Hand. Charlotte legte den Arm um sie.

Sie saßen so, alle drei, auf der Hollywoodschaukel in dem Garten des großen Düsseldorfer Hauses, und die Welt draußen lief weiter.


In seinem Zimmer in Bochum legte Kaan das Telefon beiseite.

Keine Antwort.

Die Weltkarte. Der Drachen. Die Bücher. Alles dasselbe wie immer, unveränderlich, als würde dieser Raum auf eine Version von ihm warten die er gerade nicht war.

Die Tür öffnete sich.

Celal. Er kam herein und setzte sich neben seinen Sohn ohne zu fragen ob er willkommen war — weil das bei Celal so war, dieses Eintreten ohne zu fragen, das Setzen ohne Erlaubnis, das Bleiben weil er da war und nicht weil man ihn gebeten hatte.

»Sie antwortet nicht«, sagte Kaan.

Celal legte die Hand auf seine Schulter. Schwieg erst. Dann:

»Weißt du warum wir Menschen leiden?«

Kaan schüttelte den Kopf.

»Weil wir gegen die Wahrheit kämpfen. Und das verursacht alles Leiden.«

Kaan hörte zu mit der Aufmerksamkeit von jemandem der wusste dass etwas Wichtiges gesagt wurde und der es durch seinen Widerstand hindurch hören wollte.

»Nimm die Situation so an wie sie ist.« Celal wartete einen Moment. »Weißt du was ich nach all den Jahren gelernt habe?«

»Was?«

»Krampfhaftes Festhalten und blinder Idealismus bringen einen nicht wirklich weiter. Man muss lernen loszulassen. Das ist die eigentliche Stärke.«

Kaan saß und ließ es ankommen. Celals Stimme in dem Zimmer mit dem Drachen und den Büchern und der Weltkarte — die Stimme die ihn sein Leben lang gefordert hatte und die jetzt etwas sagte das er nicht widerlegen konnte.

»Wenn ihr zusammengehört dann kann sie solange weglaufen wie sie will.« Celal strich sanft über Kaans Schulter. »Ihr werdet letztendlich zueinander finden. Und wenn nicht — dann kannst du es versuchen so oft du willst, es wird nicht helfen.«

Kaan schaute auf den Drachen über seinem Bett.

Den farbigen, verschlissenen, sechseckigen Drachen den er als Kind gehabt hatte und der jetzt noch immer da war. Er hatte ihn so lange nicht wirklich gesehen.

Jetzt sah er ihn.


Irgendwo über Europa saß Frank in einem Flugzeug.

Anzug, Krawatte, Notebook. Auf dem Bildschirm die Fotos aus Berliner Tagen — er und Sandra in Cafés, auf Straßen, in Momenten die er aufbewahrt hatte mit der Sorgfalt von jemandem der nicht verstand dass Aufbewahren keine Beziehung war.

Er schaute sie an.

Eine nach der anderen.

Das Flugzeug flog weiter.


In der Praxis saß Sandra auf einem kirschroten Zweiersofa.

Ihr gegenüber die Therapeutin — gepflegt, Mitte fünfzig, mit dem ruhigen Gesicht von jemandem der gelernt hatte zu hören ohne das Gehörte sofort zu bewerten.

»Weglaufen löst die Probleme nicht auf Dauer.« Die Therapeutin ließ einen Moment. »Damals haben Sie das Argument gehabt dass Sie sich für Kunst entschieden hätten und deshalb noch ein halbes Jahr in Bochum zu bleiben keinen Zweck hätte. Nun haben Sie das alles hinter sich. Und wir stehen mehr oder weniger da wo wir vor Jahren schon mal waren.«

Sandra nickte.

Sie war sieben. Oder acht.

Das genaue Alter hatte sie irgendwann aufgehört zu wissen — nicht weil sie es vergessen hatte, sondern weil das Alter keine Rolle spielte. Weil Dinge die man mit sieben sah nicht mit sieben blieben sondern mitgingen. Wuchsen. Eine andere Form annahmen aber dieselben blieben.

Die Tür war verschlossen.

Das war das Erste was sie bemerkt hatte — dass die Tür verschlossen war, was nie passierte, was bedeutete dass etwas nicht stimmte. Sie hatte geklopft.

»Mama. Mama. Mama mach die Tür auf.«

Die Stimmen dahinter hatten nicht aufgehört. Sie hatte die Schlüssel geholt — alle Schlüssel die sie finden konnte, aus der Schublade in der Küche, aus der Jacke ihres Vaters am Haken, alle zusammen auf einem Bund den sie mit beiden Händen hielt weil er schwer war und weil ihre Hände noch klein waren.

Sie hatte einen nach dem anderen probiert.

Drinnen die Stimmen — lauter jetzt, hitziger, die Art von Lautstärke die einen Raum veränderte auch wenn man nicht drin war, die durch die Tür drang und sich auf der Haut ablagerte wie etwas das nicht wegging wenn man sich die Arme rieb.

Dann fiel der Schlüssel innen auf den Boden.

Weil sie immer weiter gedrückt hatte. Weil sie nicht aufgehört hatte. Weil aufhören keine Option gewesen war.

Die Tür ging auf.

Sandra stand in dem riesigen Schlafzimmer und sah — nicht sofort alles, erst die Bewegung, dann Richard, dann Charlotte, dann die Ohrfeige die kam bevor sie verstand was sie sah. Der Klang. Charlotte die zu Boden ging. Der Kopf der gegen den Schrank stieß.

Alles in einer Sekunde.

Sandra lief zu ihrer Mutter.

Das war das Einzige was sie tun konnte — laufen. Nicht schreien, nicht sprechen, nur laufen, weil der Körper wusste bevor der Kopf mitgekommen war. Sie kniete neben Charlotte und sah dass ihre Mutter weinte und sah dass ihr Vater jetzt auch schwieg und sah dass dieser Raum sich für immer verändert hatte. Nicht weil die Möbel anders standen oder das Licht anders fiel — sondern weil sie jetzt etwas wusste das sie vorher nicht gewusst hatte und das sie nicht mehr nicht-wissen konnte.

Sie hatte nie wieder alle Türen für selbstverständlich gehalten.


Auf dem kirschroten Sofa saß sie jetzt.

Die Therapeutin hatte recht. Weglaufen löste die Probleme nicht auf Dauer. Das wusste Sandra. Das hatte sie schon immer gewusst — mit dem Teil der Worte hatte und Dinge benennen konnte.

Aber der andere Teil — der Teil der keine Worte hatte, der sieben Jahre alt war und in einem Schlafzimmer stand mit Schlüsseln in den Händen — der wusste nur was er kannte. Und was er kannte war: wenn Fäuste fallen, geh.

»Lassen Sie uns in den kommenden Sitzungen verstärkt Ihre Ängste besprechen, die Sie seit Ihrer Kindheit begleiten.«

»Ja«, sagte Sandra.

Draußen war Düsseldorf.