Kapitel 17
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Die Pistole
Düsseldorf / Berlin — Gegenwart
Im Parkhaus des Flughafens stand ein Mietwagen.
Frank schloss ihn auf — Oberklasse, der Geruch von Neu und von Geld. Er hängte sein Jackett an den Haken über dem Rücksitz. Versteckte den Businesskoffer im Kofferraum. Stieg ein.
Das Navi kannte die Adresse bereits.
Sandra ging durch eine Düsseldorfer Straße und dachte an nichts Bestimmtes.
An einem Döner-Imbiss kamen zwei Männer heraus die es eilig hatten und sie fast umrannten. Sie blickte wütend hinter ihnen her. Dann sah sie den Transporter am Straßenrand.
Yenici Döner & Dönermaschinen.
Sie blieb stehen.
Stand da und schaute auf den Namen — diesen Namen den sie kannte weil er auf dem Transporter gestanden hatte der sie und Kaan nach Berlin gefahren hatte, damals, als Berlin noch eine andere Stadt gewesen war und alles noch eine andere Form gehabt hatte.
Sie ging weiter.
In ihrer Wohnung fuhr der iMac hoch.
Sandra stellte einen Teller Pişmaniye auf den Schreibtisch — das Zuckerwattekonfekt das Kaan ihr in Essen gegeben hatte und das sie seitdem manchmal kaufte, ohne genau nachzudenken warum, mit der Unbewusstheit von Gewohnheiten die sich aus Gefühlen bildeten. Auf dem Schreibtisch stand die Miniatur der Staffelei die Celal ihr geschenkt hatte.
Sie öffnete die Suchmaschine.
Yenici Döner Kaan Demir.
Das erste Ergebnis: die Website, professionell gestaltet, und darauf ein Foto von einer Vertragsunterzeichnung. Kaan. Halid. Bahri Yenici. Alle drei lächelnd, alle drei in Anzügen.
Sandra schaute das Foto an und spürte etwas das kein Name hatte — nicht Überraschung, eher das Ankommen von etwas das man eigentlich schon gewusst hatte und das jetzt eine Form bekam.
Sie gab einen neuen Namen ein.
Celal Demir.
Die Suchergebnisse kamen schnell. Türkischer Untertagearbeiter in Dinslaken fast totgeprügelt. Bergbautechniker lebensgefährlich verletzt. Unbekannte verletzen Deutschtürken in Dinslaken schwer. Mordanschlag in Dinslaken. Ins Koma geprügelt.
Sandra las. Einen Satz, dann den nächsten. Ihr Körper wurde still auf eine Art die keine Ruhe war — die Art von Still die kam wenn man etwas las das man nicht lesen wollte und das man trotzdem zu Ende las.
Dann das Video.
Eine Überwachungskamera. Der blaue Golf an der roten Ampel. Celal der ausstieg und auf das andere Fahrzeug zuging. Der aus dem Sichtfeld verschwand. Zurückwich. Die Männer in Bomberjacken.
Sandra stoppte das Video.
Sprang auf.
Stand mitten im Zimmer mit dem Herzklopfen von jemandem der gerade verstanden hatte was sie ein Jahr lang nicht hatte verstehen können — warum er in jener Nacht aus dem Bett gesprungen war ohne ein Wort zu sagen. Warum er auf dem Bahnsteig zugeschlagen hatte. Warum das Tier in ihm so nah an der Oberfläche gewesen war.
Er hatte das getragen. Allein. Und sie war gegangen.
Auf der Terrasse telefonierte sie mit Patricia.
»Es war so brutal. Ich kann dir das gar nicht beschreiben. Einfach furchtbar.«
»Aber du wusstest doch von nichts!«
»Ja. Aber ich hätte noch ein Semester warten können. Wir waren frisch zusammen. Vielleicht hätte er mir mit der Zeit alles erzählt.« Sie lehnte sich an das Geländer. »Ich muss ihn unbedingt finden. Sonst bekomme ich keine Ruhe.«
»Schlaf bitte noch eine Nacht darüber.«
»Nein.« Ihre Stimme war ruhig aber fest, die Festigkeit von jemandem der eine Entscheidung getroffen hatte bevor sie sie aussprach. »Dies Mal werde ich nicht warten.«
Franks Auto hielt in der Nähe ihres Hauses.
Das Navi sprach. »Nach fünfzig Metern haben Sie Ihr Ziel erreicht.«
Frank saß im Dunkeln und schaute auf das Gebäude.
Sandra trat aus dem Hauseingang und öffnete ihr Auto.
Eine Hand von hinten.
Sie fuhr herum — Frank. Sein Gesicht ruhig, zu ruhig, die Ruhe von jemandem der sich etwas zurechtgelegt hatte.
»Was suchst du hier?«
»Ich wollte sehen wie es dir geht.«
»Reicht es nicht dass du mich die ganze Zeit stalkst?«
»Ich muss jetzt gehen.«
Sie wollte einsteigen aber er packte ihren Arm — nicht grob, aber fest, mit der Entschlossenheit von jemandem der nicht losließ.
»Lass mich sofort los.«
»Erst gehen wir was trinken und reden ein wenig.«
Er begann sie Richtung seines Autos zu zerren. Sandra wehrte sich. Schrie.
»LASS MICH SOFORT LOS. HILFE. HILFE.«
Am anderen Ende der Straße wurden Menschen aufmerksam. Frank ließ los. Sandra lief.
Er zögerte — einen Herzschlag — dann lief er hinter ihr her.
Sandra lief durch Gassen, auf eine große Straße. Die erste Ampel grün, sie überquerte ohne zu stoppen. Blickte zurück. Frank noch hinter ihr. Zweite Ampel — sie sah es zu spät, als sie schon auf der Fahrbahn war, als der Wagen schon zu nah war um noch zu bremsen.
Auf der Intensivstation schlief Sandra.
An Geräte angeschlossen, überall Verletzungen, das Piepen das Kaan kannte seit seinem Vater und das er jetzt wieder hörte und das sich anders anfühlte und doch gleich — dieser Geruch, dieses Licht, dieses Piepen.
Er saß an ihrem Kopfende.
Die Tränen kamen und er ließ sie kommen, hier, wo es keine Rolle spielte, wo nur sie war und er und das Piepen. Als Charlotte und Richard hereinkamen wischte er sie schnell weg.
Richard und Kaan standen in einer ruhigen Ecke.
»Haben Sie schon etwas erfahren?«
»Die Augenzeugen sagen es hätte so ausgesehen als wäre sie vor jemandem weggelaufen.« Richard schüttelte den Kopf. »Ich habe da so eine vage Vermutung.«
Kaan sah ihn an.
»Ich auch«, sagte er.
Bei der Kriminalpolizei kam Aneta die Treppe herunter.
Anfang dreißig, direkt, mit dem Blick von jemandem der zu viel gesehen hatte und der deshalb schnell verstand was gesagt wurde und was nicht.
»Wieso bist du denn hier?«
»Aneta, ich brauche deine Hilfe.«
Er zeigte ihr das Foto auf seinem Handy. »Ich brauche seine Adresse.«
Aneta schaute das Foto an. Dann schaute sie Kaan an. In ihrem Gesicht eine kurze Berechnung — was er vorhatte, was sie sagen sollte, was sie tun konnte.
Sie gab ihm die Adresse.
Berlin. Vier Uhr morgens.
Das Auto vor einem Gebäude mit gelber Fassade. Kaan am Steuer, Aneta auf dem Beifahrersitz, die Nacht um sie herum vollständig still.
»Versuch mal ein paar Stunden zu schlafen.« Aneta schaute auf ihre Uhr. »Morgen früh reden wir gemeinsam mit ihm.«
Kaan nickte langsam.
»Mach bitte keine Dummheit.«
Er nickte wieder. Verstellte seinen Sitz nach hinten. Schloss die Augen.
Aneta machte dasselbe.
Ihre Atmung wurde ruhiger. Gleichmäßiger. Kaan wartete. Wartete bis er sicher war. Dann beugte er sich behutsam nach hinten — langsam, ohne Geräusch — zu Anetas Jacke auf dem Rücksitz.
Seine Finger fanden die Pistole.
Er öffnete die Tür mit der Sorgfalt von jemandem der genau wusste was er tat und der sich damit abgefunden hatte.
Im Treppenhaus des Berliner Gebäudes: ein Schuss.
Die Haustür. Die Treppe. Der Korridor.
Frank lag im Schlafzimmer und war wach bevor Kaan eintrat — wach mit der Panik von jemandem der einen Schuss gehört hatte und der wusste wer gekommen war.
Kaan schlug auf ihn ein. Dann zog er die Pistole.
Frank zitterte. Weinte. Flehte.
»NEIN BITTE BITTE TÖTE MICH NICHT. ICH WOLLTE IHR NICHT WEH TUN. SIE IST EINFACH AUF DIE STRASSE GELAUFEN. ICH HAB KEINE SCHULD DARAN.«
Kaan hielt die Pistole an Franks Kopf und hörte das Flehen und spürte das Tier in sich — dieselbe Stille die immer vor dem Schlagen kam, das Aufhören des Denkens, das Tier das wartete.
Dann: Anetas Stimme.
»KAAN LASS IHN SOFORT GEHEN. MACH KEINE DUMMHEIT KAAN BITTE.«
Frank schrie weiter. »DAS ALLES IST DEINE SCHULD. DU HAST ALLES KAPUTTGEMACHT. SIE HAT DICH NIE VERGESSEN KÖNNEN. DU STANDEST IMMER ZWISCHEN UNS.«
Kaan hielt die Pistole.
Und in diesem Moment — in dem Moment zwischen dem Halten und dem was als nächstes kommen würde — hörte er eine andere Stimme. Nicht Anetas. Nicht Franks.
Die Stimme seines Vaters.
»Man muss lernen loszulassen. Das ist die eigentliche Stärke.«
Der Raum. Frank der zitterte. Aneta die wartete.
Das Tier in Kaan das auf eine Entscheidung wartete.
Kaan nahm die Pistole runter.
Verließ das Zimmer.
Auf der Intensivstation hielt er ihre Hand.
Sandra öffnete langsam die Augen. Ihre Blicke trafen sich.
»Wo bist du gewesen?«
»Ich musste etwas erledigen.« Seine Stimme war ruhig. »Wie geht es dir?«
Tränen in Sandras Augen — nicht aus Schmerz, aus etwas das tiefer saß.
»Ich hab solche Angst gehabt. Meine Eltern sagten dass du hier warst aber wieder gegangen bist. Ich dachte ich sehe dich nie wieder.«
»Nein. Ich bin hier.« Er hielt ihre Hand fester.
Dann kamen auch bei ihm die Tränen — zuerst nur ein paar, dann mehr, und er ließ sie kommen, hier, neben ihr, in diesem Zimmer mit dem Piepen der Geräte und dem Licht das immer dasselbe war.
Er hörte auf zu kämpfen.