Kapitel 2

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Vollgas

Bochum, Herbst 2001

Er schaltete die Scheinwerfer aus.

Einen Herzschlag später gab er Vollgas — nicht zögerlich, nicht allmählich, sondern so wie man eine Entscheidung trifft die man bereits getroffen hat bevor man weiß dass man sie trifft. Das Motorrad schoss nach vorne. Die Nacht schluckte sie.

Sandra hielt sich fest.

Sie hielt sich fest weil er es ihr gesagt hatte — Halt dich fest, zweimal, gegen den Fahrtwind — und weil ihr Körper es verstand bevor ihr Kopf mitgekommen war, weil Beschleunigung eine eigene Sprache hat die keine Worte braucht. Sie spürte die Kraft im Bauch, dieses Ziehen das gleichzeitig Schrecken und etwas anderes war, etwas das sie nicht sofort benennen konnte, eine Leichtigkeit die aus der Geschwindigkeit kam und aus dem Dunkel und aus dem Wissen dass sie gerade an einem Polizisten vorbeigerast waren ohne Licht und ohne Führerschein und dass das vollkommen falsch war und sich trotzdem nicht falsch anfühlte.

Der Polizist sah nur Rücklicht.

Kaan bog nach einer Weile in eine entlegene Seitenstraße ab. Das Motorrad wurde langsamer, hielt an. Die Stille kam zurück, anders als vorher — voller, schwerer, die Art von Stille die nach etwas kommt. Er stieg ab, nahm den Helm, und blickte zu Sandra.

Sie saß noch. Bewegte sich nicht sofort.

Ihr Herz raste — das war das Erste was sie spürte als der Fahrtwind aufgehört hatte, das Rasen, nicht unangenehm aber deutlich, der Körper der seinem eigenen Takt hinterherhinkte. Sie stieg ab. Kaan half ihr den Helm zu lösen, so wie er ihr vorhin geholfen hatte ihn aufzusetzen, und auch das war ein Muster das sie bemerkte — dieses mühelose Helfen, dieses Einspringen ohne gefragt zu werden, als hätte er einen Sinn für Momente in denen jemand eine Hand brauchte.

»Gehts dir gut?«

»Mein Herz.«

»Was ist mit deinem Herz?«

»Es rast.«

Er zog sie in die Arme. Einfach so, ohne Übergang, ohne die kurze Zögerlichkeit die manche Umarmungen noch hatten wenn sie noch nicht wussten ob sie willkommen waren. Diese wusste es. Sandra ließ den Kopf gegen seine Schulter sinken und wartete darauf dass ihr Herz langsamer wurde, und sein Atem war ruhig, gleichmäßig, der Atem von jemandem der nichts hatte was er verarbeiten musste, für den das hier — die Nacht, die Seitenstraße, das Rasen des Herzens einer anderen Person — einfach war wie es war.

Eine Weile lang war da nur das.

Dann: »Wieso hast du nicht angehalten?«

»Das konnte ich nicht.«

»Warum das denn?«

Er ließ genau einen Moment verstreichen. Nicht zu lang, nicht zu kurz. Den richtigen Moment.

»Weil ich noch keinen Führerschein für diese Maschine habe.«

Sandra hob den Kopf und sah ihn an. In seinem Gesicht war etwas das sie noch lernte zu lesen — diese Mischung aus Ernst und dem Anflug von etwas dahinter, nicht ganz ein Lächeln, mehr die Möglichkeit eines Lächelns, die Andeutung dass er wusste wie das gerade klang und dass er es trotzdem so gesagt hatte weil es die Wahrheit war.

Dann fing sie an zu lachen.


Das Zimmer war hell, als sie aufwachte.

Sandra lag auf der Seite und sah ihn an. Kaan schlief noch — tief, ruhig, die Art von Schlaf die nichts festhielt und nichts ausschloss, einfach Schlaf. Seine Schulter, die aus der Decke ragte, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Die Tätowierung.

Im oberen linken Teil seines Rückens, da wo die Schulter in den Nacken überging — eine Möwe im Flug, gezeichnet mit dem Strich eines Bleistifts, keine Farbe, keine Ausschmückung. Als hätte jemand eine Idee festhalten wollen bevor sie verschwand. Sandra betrachtete sie eine Weile. Sie hatte sie in der Nacht gespürt aber nicht gesehen, und jetzt, im Morgenlicht, war sie da wie etwas das immer da gewesen war.

Sie fragte sich wann er sie sich hatte stechen lassen. Warum eine Möwe. Was das bedeutete für jemanden der so wenig erklärte.

Sie fragte ihn nicht.

Manche Dinge, das spürte sie, wollten gefunden werden — nicht erklärt.

Kaan bewegte sich. Streckte sich. Wachte auf, so wie er alles tat — ohne Übergang, von einem Moment in den nächsten, als hätte sein Körper bereits beschlossen was er als nächstes tun würde bevor sein Bewusstsein dazukam. Sandra gab ihm ein Küsschen. Er erwiderte es, halb noch im Schlaf, dann öffnete er die Augen.

»Morgen.«

»Morgen.«

Sandra stieg aus dem Bett. Griff nach dem Radio das auf dem Nachtisch stand. Ein Tanzstück kam — leicht, rhythmisch, die Art von Musik die einen Morgen öffnet statt ihn zu beschreiben.

Kaan umfasste ihre Taille.

Er tat es ohne zu fragen, ohne Ankündigung — zog sie einfach zu sich, drehte sie um, und fing an zu tanzen, hier, in dem kleinen Zimmer, zwischen dem Bett und dem Schreibtisch, zwischen den Stapeln Bücher und der Staffelei in der Ecke. Sandra zögerte einen halben Herzschlag. Dann gab sie nach.

Sie tanzten.

Eng aneinandergeschmiegt, langsam, mit einer Freude die nichts beweisen wollte. Kaan sang nicht mit — er summte kaum, eigentlich gar nicht — aber sein Körper hatte einen Rhythmus den er nicht erklären musste, und Sandra folgte ihm, und für ein paar Minuten war das Zimmer nur das hier: Musik, Bewegung, Morgenlicht auf dem Parkett.

Dann küssten sie sich.

Erst sanft. Dann nicht mehr sanft. Kaan warf sich mit ihr aufs Bett und das Radio spielte weiter und Sandra griff nach dem Band der Jalousine und ließ sie runtersausen, und das Zimmer wurde dunkler, und die Musik spielte leiser weiter, und die Welt draußen wartete.


Später gingen sie an den Briefkästen vorbei.

»Holst du uns was zu essen? Ich schau kurz in den Briefkasten.«

»Okay.«

Kaan verließ das Wohnheim. Sandra öffnete den Briefkasten.

Im Briefkasten lag ein Brief.

Sie erkannte den Absender sofort — die Akademie der Künste in Berlin, das war nicht möglich zu übersehen wenn man darauf gewartet hatte, und Sandra hatte darauf gewartet, still, ohne es laut auszusprechen, mit der Vorsicht von jemandem der gelernt hatte Hoffnungen klein zu halten damit der Fall kürzer war.

Ihre Hände waren ruhig als sie ihn öffnete.

Innen zitterte etwas.

Sandra öffnete den Brief. Las ihn. Las ihn nochmal.

Dann stand sie da im Korridor des Studentenwohnheims mit dem Brief in der Hand und dem Geräusch des Gebäudes um sie herum — Türen, Schritte, jemand der irgendwo Musik hörte — und wusste genau was dieser Brief bedeutete und was sie tun würde.

Sie steckte ihn in ihre Tasche.

Nicht weil sie es Kaan nicht sagen wollte. Sondern weil sie gelernt hatte dass manche Dinge kleiner wurden wenn man sie aussprach bevor man selbst wusste was man mit ihnen anfangen wollte. Und dieser Brief war noch nicht bereit ausgesprochen zu werden. Er brauchte Zeit in der Tasche. Im Dunkeln. Bis sie wusste ob er ein Anfang war oder ein Ende.

Sie verließ das Wohnheim.


»Ich muss kurz die Welt retten.«

Kaan reichte ihr die Bäckertüte vor dem Café und verschwand in Richtung der Toilette. Sandra trat ein, suchte sich einen Tisch direkt am Eingang, stellte die Tüte ab. Zog die Zeitschrift Coolibri vom Nebenstapel.

Sie blätterte. Las nicht wirklich. Der Brief lag in ihrer Tasche und sie spürte sein Gewicht, nicht physisch — er wog fast nichts — sondern als Druck an einer Stelle zwischen Brustbein und Kehle, die enge Stelle an der Dinge sich aufstauten wenn man sie nicht sagte.

Kaan kam zurück. Setzte sich. Sie stellte einen Becher vor ihn.

»Heiße Schokolade.«

»Danke.«

Er gab ihr ein Küsschen auf den Mund, holte zwei belegte Brötchen aus der Tüte, reichte ihr eines. Dann holte er einen Flyer aus seiner Jackentasche und legte ihn vor sie hin.

Selim Özdoğan. 3L: Licht, Liebe, Loslassen.

Sandra sah es und musste lächeln — weil sie dieselbe Ankündigung in der Coolibri bereits eingekreist hatte, vor drei Tagen, an dem Abend als der Brief noch nicht da war und alles noch anders war, oder jedenfalls anders schien.

»Hast du Lust? Wollen wir da hingehen?«

Sie überlegte. Legte die Haare leicht zur Seite. In ihrer Tasche lag der Brief.

»Ist ja noch viel Zeit bis dahin«, sagte sie. »Wenn nichts dazwischenkommt. Warum nicht?«

Wenn nichts dazwischenkommt. Sie hörte sich selbst das sagen und wusste dass es mehr war als ein Satz, dass es eine Frage war die sie sich selbst stellte, versteckt in einer Alltagsformulierung wie man Dinge versteckte wenn man sie noch nicht bereit war laut zu denken.

Kaan nickte. Trank einen Schluck.

Er merkte es nicht. Oder er merkte es und sagte nichts. Manchmal wusste sie das nicht bei ihm — wie viel er sah und schwieg, wie viel er nicht sah. Beides war möglich. Beides war Kaan.

In dem Augenblick öffnete sich die Tür.

Halid und Ramina, Hand in Hand, der erste Blick durch das Café suchend bis er sie fand — dann das Lächeln, das breite unbekümmerte Lächeln das Halid hatte wenn er jemanden sah den er mochte und das er nicht verbarg weil er nicht der Typ war der Dinge verbarg.

»Hallo, ihr frisch Verliebten!«

Sie kamen an den Tisch, umarmten beide, setzten sich. Ramina und Halid hatten diese Energie von Menschen die gerade eine Entscheidung getroffen hatten und noch in ihr lebten, noch in dem Aufleuchten waren das Entscheidungen manchmal hatten bevor der Alltag sie einholte.

Amerika. Studentenausweise. Flüge.

Ramina erzählte. Halid ergänzte. Sandra hörte zu und lächelte an den richtigen Stellen und hielt ihren Becher mit beiden Händen.

»Mit einer Concorde wären wir in drei Stunden in New York!«

Kaan trank seinen Kaffee. »Die Concorde kannst du vergessen. Du musst da einfach durch. Oder nimmst halt ein paar Beruhigungspillen.«

»Ach was, die brauche ich nicht!«

Sie lachten. Auch Sandra lachte. Das Lachen war echt — das war das Merkwürdige, dass man gleichzeitig einen Brief in der Tasche haben und wirklich lachen konnte, dass Dinge nicht aufhörten schön zu sein nur weil andere Dinge zu groß waren.

Sie trank ihre heiße Schokolade.

Draußen zog eine Wolke über den Campus. Drinnen redeten Halid und Kaan über Amerika und Kaan redete wenig aber hörte viel und Ramina sah Sandra an mit dem kurzen, aufmerksamen Blick einer Frau die etwas bemerkt hatte und entschied es für sich zu behalten.

Kaan beugte sich zu seiner Tasche auf dem Boden. Öffnete das Innenfach — das schmale, das er sonst für nichts benutzte. Er holte etwas heraus und legte es auf den Tisch.

Dreieckig. Braunes Leder. Die Nähte alt.

Halid sah es an. Eine Sekunde. Zwei.

»Nein«, sagte er. »Das kann ich nicht. Das gehört zu dir.«

Kaan hielt es ihm hin. Nicht aggressiv, nicht sentimental — einfach hin, mit der Ruhe eines Menschen der bereits entschieden hatte. »Nimm es einfach. Du musst es aber immer bei dir tragen. Am besten um den Hals.«

Halid nahm es.

Sandra sah es. Dieses kurze Nehmen, dieses Schweigen das folgte, die Art wie Halid das Leder in der Hand hielt als wäre es schwerer als es war.

»Was ist das?«, fragte sie.

»Eine Art Talisman«, sagte Kaan. »Hat mir meine Großmutter als Kind geschenkt.«

»Und was ist da drin?«

»Verse aus dem Koran.«

Er sagte es sachlich. Ohne mehr. Ramina schaute Halid an. Halid schaute auf das Talisman. Und Sandra schaute Kaan an mit dem Blick den sie hatte wenn sie etwas bemerkte das sie noch nicht einordnen konnte — etwas das tiefer reichte als das was gesagt worden war.

Der Brief lag in Sandras Tasche.

Das Licht des Herbstes fiel durch das Fenster des Kultur-Cafés, und Sezen Aksu spielte nicht, und alles war still auf eine Art die nicht Stille war sondern das Gegenteil — die Fülle von einem Morgen der noch nicht wusste was er alles trug.