Kapitel 3
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Der Talisman
Bochum / Düsseldorf, Herbst 2001
Patricia fragte sie nicht wie es ihr ging.
Das war das Gute an Patricia — sie stellte keine Fragen wenn sie die Antworten bereits kannte, und sie kannte sie fast immer, weil sie zuhörte auf die Art die die meisten Menschen für Zuhören hielten aber nicht praktizierten. Sie saßen auf Sandras Bett, die Beine untergeschlagen, und draußen war Nacht und drinnen brannte nur die Schreibtischlampe, und Patricia sagte: »Also, nur er und du. Das ist echt romantisch von ihm.«
Sandra lächelte. Es war ein echtes Lächeln — das war das Verwirrende, dass man gleichzeitig etwas tragen konnte und trotzdem echte Lächeln hatte, dass beides wahr sein konnte gleichzeitig.
»Wie lange bleiben die in Amerika?«
»Ganze zwei Wochen.«
»Puuh.« Patricia zog die Augenbrauen hoch. »Das ist echt lang. Hast du ihm schon von Berlin erzählt?«
Sandras Gesicht veränderte sich. Nicht viel — eine kleine Verschiebung, kaum sichtbar wenn man sie nicht kannte. Patricia kannte sie.
»Nein«, sagte Sandra. »Ich weiß im Moment gar nicht was ich machen soll. Ich muss darüber nachdenken.«
»Sag nicht dass du das Ganze jetzt nur wegen ihm sausen lässt.« Patricia sagte es nicht vorwurfsvoll. Eher so wie man jemandem etwas sagt das man schon lange sagen wollte und für das man jetzt den richtigen Moment gefunden hatte. »Das ist doch das was du immer wolltest.«
»Ich will jetzt nicht darüber reden.«
Stille.
Sandra hielt ihren Becher mit beiden Händen. Der Tee war schon kalt aber sie hielt ihn trotzdem, weil die Hände etwas brauchten womit sie beschäftigt sein konnten. In ihrer Tasche lag der Brief. In zwei Tagen würde Kaan fliegen. Und irgendwo dazwischen lag eine Entscheidung die keine gute Form hatte und keinen richtigen Rand an dem man sie anfassen konnte.
Sie trank den kalten Tee.
Am nächsten Morgen fuhr Kaan nach Düsseldorf.
Er stand an der Haltestelle und wartete auf die Straßenbahn, eine Zigarette zwischen den Fingern, die Kapuze seiner Jacke hochgezogen gegen den Nieselregen. An der Haltestelle eine junge Frau mit einem Kinderwagen — sie kämpfte gegen die Bordsteinkante, gegen den Regen, gegen das Gewicht des Wagens, alle drei gleichzeitig, und niemand half.
Kaan drückte die Zigarette aus.
Er half. Nicht mit großer Geste, nicht mit Worten — er nahm einfach die eine Seite des Wagens und trug mit. Das war alles. Die Frau sagte Danke. Kaan sagte Nichts zu danken. In der Straßenbahn setzte er sich an einen Einzelsitz nahe der Tür, und einige Haltestellen später stieg eine alte Frau ein, und Kaan stand auf und gab ihr seinen Platz, und sie lächelten sich kurz an — dieses kurze Lächeln zwischen zwei Menschen die sich nicht kennen und nie kennen werden, das trotzdem echt ist.
Er schaute aus dem Fenster.
Manchmal dachte er dass diese kleinen Dinge das Einzige waren das er mit Sicherheit tun konnte — nicht die großen Probleme lösen, nicht die Welt verändern, aber einem Menschen den Kinderwagen heben. Einer alten Frau den Platz lassen. Das konnte er. Das war immer möglich.
Er wusste nicht dass das in ein paar Wochen nicht mehr selbstverständlich sein würde.
In der Frauenberatungsstelle saß Sandra einer Frau gegenüber und half ihr Formulare auszufüllen.
Es war mühsame Arbeit — nicht die Arbeit selbst, die war einfach, Kästchen ankreuzen, Daten eintragen — sondern die Geduld die dahinter steckte, das Wissen dass diese Formulare für jemanden wichtig waren, dass hinter jedem ausgefüllten Feld ein Leben stand das gerade in einer Schieflage war. Sandra machte das gerne. Nicht aus Pflichtgefühl — aus einem Gefühl das sie nicht genau benennen konnte, das aber etwas damit zu tun hatte dass sie hier nützlich war auf eine sehr konkrete Art, Kästchen für Kästchen.
Dann bewegte sich etwas im Türspalt.
Ein Blumenstrauß. Der sich auf und ab bewegte, langsam, wie von einer Hand die wartete aber nicht klopfen wollte. Sandra bat die Frau ihr kurz Entschuldigung zu geben und ging auf die Tür zu.
Kaan.
Er stand mit dem Strauß in der Hand und lächelte — dieses bestimmte Lächeln das er hatte wenn er etwas getan hatte das er für offensichtlich hielt und das trotzdem ankam. Sandra wusste nicht was sie sagen sollte. Sie sagte nichts. Sie umarmten sich kurz, küssten sich kurz, und dann fragte sie: »Was machst du denn hier?«
»Ich habe mir gedacht ich komm dich mal besuchen.«
Sie lächelte. »Ich bin gleich fertig. Ich muss der Frau noch beim Ausfüllen helfen. Wartest du solange?«
»Ja klar. Ich warte.«
Er wartete. Das konnte er — warten ohne ungeduldig zu werden, ohne auf die Uhr zu schauen, mit der Ruhe eines Menschen für den Wartezeit keine verlorene Zeit war sondern einfach Zeit. Sandra ging zurück in das Zimmer. Die Frau schaute sie an mit einem Blick der fragte ohne zu fragen. Sandra schüttelte leicht den Kopf: alles gut. Alles gut.
Dann öffnete sich die Tür.
Herr Kolçak trat ein.
Sandra sah ihn sofort. Die Art wie er den Raum betrat — mit der Entschlossenheit von jemandem der bereits entschieden hatte was er tun würde, ohne Zögern, ohne Blick nach links oder rechts. Er ging direkt auf die Frau zu. Ergriff ihren Arm. Riss sie hoch.
Die Frau schrie.
Kaan, der auf dem Flur stand, hatte es gehört bevor Sandra reagiert hatte. Und als Sandra aufstand und sich umwandte war Kaan bereits im Zimmer — er hatte den Blumenstrauß beiseitegelegt, so wie man etwas beiseitelegt das man gleich wieder aufheben wird, als wäre das eine kurze Unterbrechung und keine Entscheidung.
»LASS SIE SOFORT LOS.«
Kolçak ließ nicht los. Er wandte sich Kaan zu mit einem Blick der sagte: wer bist du denn, mit der Geste von jemandem der sicher war dass die Antwort ihn nicht überraschen würde. Er versuchte Kaan zur Seite zu stoßen.
Das war der Moment.
Sandra sah es. Sie sah genau den Moment in dem etwas in Kaan kippte — nicht sein Gesicht, das blieb erstaunlich ruhig — sondern etwas in seiner Haltung, eine Veränderung die vielleicht nur sie bemerkte weil sie gelernt hatte ihn zu sehen. Und dann schlug er zu.
Mehrmals. Bis Kolçak auf dem Boden lag.
Sandra und die Mitarbeiter hielten Kaans Arme fest — sein ganzer Körper drängte noch nach vorne, auch als Kolçak schon unten war, als hätte der Körper einen Befehl bekommen den er noch nicht abgebrochen hatte. Dann ließ er nach. Stand da. Atmete.
Sandra sah ihn an und wusste noch nicht was sie sehen sollte.
Später gingen sie durch die Düsseldorfer Altstadt.
Kaan fragte was sie genau in der Beratungsstelle machte. Sandra erklärte es — Schreibkram, Formulare, ehrenamtlich. Er hörte zu so wie er immer zuhörte: vollständig, ohne zu unterbrechen. Dann nahm sie seine rechte Hand und drehte sie um. Eine leichte Rötung an den Knöcheln. Kaum der Rede wert.
»Hast du dich verletzt?«
Kaan schüttelte den Kopf.
Sandra schaute die Rötung an. Nicht lange — nur einen Moment, mit der Aufmerksamkeit von jemandem der etwas sieht und es einordnen will und noch nicht weiß wo es hingehört.
Sie kannte dieses Bild. Nicht von Kaan — von früher, von einem anderen Zimmer, von einem anderen Mann. Aber das Bild war dasselbe: eine Hand die Kraft gehabt hatte und die Spuren davon trug.
Sie ließ seine Hand los.
Sie gingen weiter.
Am Abend lagen sie auf Sandras Bett, Pizzakartons zwischen ihnen, das Radio an. Sandra hielt ein Stück Pizza in der Hand und betrachtete es.
»In Amerika soll der Pizzateig richtig dick sein.«
»Sie müssen ja alles übertreiben.«
Sandra lachte. Legte das Stück hin, rückte näher, lehnte sich gegen ihn. Er fing an ihren Kopf zu streicheln — langsam, gedankenlos, so wie man jemanden streichelt wenn man bei dem ist was man tut und gleichzeitig woanders.
»Zwei Wochen sind so lang«, sagte sie. »Was mache ich bloß so lange ohne dich?«
»Ich wollte nur für zehn Tage fliegen. Aber ich konnte die anderen nicht überreden.«
»Selbst zehn Tage sind zu lang.«
Stille. Das Radio. Irgendwo draußen ein Auto.
»Wer fährt euch morgen zum Flughafen?«
»Lucas Bruder.«
»Ich muss morgen leider arbeiten.«
»Ich weiß.«
Er streichelte ihren Kopf weiter. Sandra schloss die Augen. In ihrer Tasche — im Mantel, der hinten an der Tür hing — lag der Brief. In weniger als zwölf Stunden würde ein Auto kommen und Kaan zu einem Flugzeug bringen das ihn für zwei Wochen wegbringen würde.
Und dann würde sie allein sein mit dem Brief.
Und der Entscheidung.
Und der Frage ob beides überhaupt zusammenpasste.