Kapitel 4

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Die Nacht in Dinslaken

Dinslaken / Bochum, Herbst 2001

Die Straße in Dinslaken war leer.

Das war das Erste was man verstand wenn man dort stand — nicht dunkel genau, die Straßenlaternen brannten, aber leer auf die Art wie Straßen nach Mitternacht leer sind, wenn der letzte Mensch schon lange weg ist und die Stadt aufgehört hat so zu tun als wäre sie wach.

Celals blauer Golf stand an der roten Ampel.

Er war auf dem Heimweg. Eine lange Schicht, die Müdigkeit die man nicht beschreiben konnte wenn man sie nicht kannte — nicht die Müdigkeit von Schreibtischarbeit, nicht die Müdigkeit von schlechtem Schlaf, sondern die Müdigkeit von Arbeit unter Tage, von schlechter Luft und künstlichem Licht und dem Wissen wie viel Erde über einem lag, diese Müdigkeit die in die Knochen sank und blieb und die man erst nach Tagen wieder loswurde.

Er hörte das schwarze Fahrzeug nicht kommen.

Der Aufprall warf ihn gegen das Lenkrad. Einen Moment — eine Sekunde, zwei, nicht mehr — war da nur der Schock und die Stille danach und der Geruch von etwas Metallischem. Dann stieg er aus. So machte man das. Man stieg aus und schaute sich den Schaden an.

Er ging auf das schwarze Fahrzeug zu.

Zwei Männer stiegen aus. Bomberjacken. Springerstiefel. Gesichter die er nicht sehen konnte — sie hatten dafür gesorgt dass man sie nicht sehen konnte. Das war der Moment in dem er verstand. Zu spät, wie solche Momente immer zu spät kamen, weil man sie nicht kommen ließ solange man noch glaubte dass sie nicht möglich waren.

Er versuchte sich zu wehren.

Er war kein schwacher Mann. Hatte sein Leben lang körperlich gearbeitet, hatte Kraft in den Armen und in den Schultern die von echten Dingen kamen und nicht von einem Fitnessstudio. Aber es waren zwei. Und dann kam ein dritter aus dem Wagen, mit einem Brecheisen in der Hand —

Danach war da nur noch der Asphalt.

Das Ticken der Ampel.

Die hatte irgendwann auf Grün geschaltet. Sie schaltete wieder auf Rot. Dann wieder auf Grün.


Kaan schlief.

Er schlief tief, den Arm um Sandra, ihr Atem gleichmäßig, das Zimmer dunkel und still, die Art von Nacht die keine Anforderungen stellte. Dann begann das Telefon zu vibrieren.

Er griff danach, halb noch im Schlaf. Hielt es ans Ohr.

Drei Sätze. Seine Mutter.

»HANGI HASTANE ANNE? HANGİ? TAMAM. HEMEN GELİYORUM.« (Welches Krankenhaus Mutter? Welches? Okay. Ich komme sofort.)

Er stand auf.

Er zog sich an so wie der Körper Dinge tut wenn er einen Auftrag hat und der Kopf noch nicht mitgekommen ist — Hose, Schuhe, Jacke, Handy, Tür. Sandra wachte auf vom Licht, von seiner Stimme, von der Abwesenheit der Ruhe die vorher da gewesen war.

»Was ist los?«

»Ich muss sofort gehen.«

»Was ist passiert? Wo gehst du hin?«

Er stand an der Tür. Er wollte ihr antworten — er wollte es wirklich — aber die Worte kamen nicht weil der Kopf bereits woanders war, bereits auf der Straße, bereits im Auto, bereits in dem Krankenhauszimmer das er sich noch nicht vorstellen wollte.

»Frag mich jetzt bitte nichts. Ich muss sofort los.«

Die Tür fiel zu.

Sandra blieb allein im Zimmer. Das Licht war aus. Sie hörte seine Schritte auf dem Flur — zu schnell für diese Uhrzeit — dann das Treppenhaus, dann nichts. Sie setzte sich auf das Bett in der Dunkelheit. Warten. Schlafen. Anrufen. Sie tat keines davon. Sie saß einfach da, und die Stille des Zimmers legte sich um sie, und in dieser Stille war etwas das sie nicht benennen konnte — nicht Angst genau, eher die Vorahnung von etwas das gerade begann sich zu verschieben.


Kaan fand seine Mutter im Wartesaal der Intensivstation.

Reyhan saß auf einem Plastikstuhl in ihrem Mantel den sie nicht ausgezogen hatte. Ein Taschentuch in der Hand — zusammengedrückt, feucht, nutzlos. Als sie Kaan sah stand sie auf und er ging auf sie zu und sie umarmten sich so wie Menschen sich umarmen wenn Sprache zu langsam ist für das was sie sagen wollen.

Er hielt sie fest. Nur das.

Dann traten sie in das Zimmer.

Celal lag angeschlossen an Geräte deren Piepen ein gleichmäßiges Geräusch in die Stille legte. Fast der gesamte Körper — Prellungen, Verbände, ein Verband um den Kopf. Sein Gesicht war verändert. Nicht entstellt — aber verändert. Als hätte jemand die Oberfläche dessen was Kaan kannte leicht verschoben, und darunter war etwas das er nie hatte sehen wollen.

Celal schwieg.

Das war das Merkwürdigste. Nicht die Verletzungen die waren schlimm, ja, aber sie hatten eine Form, sie waren benennbar. Sondern das Schweigen. Celal der immer eine Meinung hatte, der immer sprach, der Kaan sein Leben lang mit Worten gefordert hatte — dieser Mann lag jetzt still und sah zur Decke und in seinem Schweigen war etwas das Kaan nicht kannte.

Er setzte sich neben das Bett.

Legte seine Hand auf die Hand seines Vaters.

Reyhan weinte leise. Kaan weinte nicht — die Tränen waren noch nicht da, sie waren irgendwo hinter einer Wand die er gerade nicht durchdringen konnte. Er saß einfach da, die Hand seines Vaters in seiner, und hörte das Piepen der Geräte, und dachte: Wer. Warum. Ich hätte dabei sein sollen.

Keiner dieser Gedanken half.


Sandras Zug hielt am Flughafen Düsseldorf an.

Sie hatte Kaan angerufen. Keine Antwort. Sie stieg aus und lief. Durch die Ankunftshalle, zu fast allen Eingangstüren, außer Atem, auf die Uhr schauend ohne die Zeit wirklich zu sehen. Dann sah sie sie — hinter den Glasscheiben, die Passagiere die durch die Sicherheitskontrolle gingen. Ramina. Halid. Luca. Nicole.

Kein Kaan.

Sandras Augen suchten. Noch einmal. Noch einmal. Er war nicht dabei. Sie hätte rufen können aber sie hätten es nicht gehört, und dann gingen Halid und die anderen durch die Kontrolle und verschwanden, und Sandra stand allein vor der Scheibe und ihr Handy klingelte ins Leere.


Im Wartesaal des Krankenhauses vibrierte Kaans Handy.

Er sah den Namen auf dem Display. Sandra. Er sah ihn und nahm nicht ab. Nicht weil er nicht wollte — weil er nicht konnte, weil er keinen Satz hatte der stimmte und weil ein Satz der nicht stimmte schlimmer war als keine Antwort. Das Handy vibrierte. Hörte auf. Begann wieder.

Reyhan wischte sich die Tränen ab. Sie drehte sich zu Kaan.

»Halid’e ne dedin?« (Was hast du Halid gesagt?)

»Babam ufak bi iş kazası geçirdi dedim.« (Habe ihm gesagt dass mein Vater einen kleinen Arbeitsunfall hatte.)

»İyi yapmışsın oğlum.« Reyhans Stimme war ruhig, aber es war die Ruhe von jemandem der gelernt hatte ruhig zu klingen wenn es nötig war. »İşin aslını öğrenene kadar, dedenler dışında kimseye bi şey anlatmayalım.« (Bevor wir nicht wissen was genau passiert ist sollten wir außer deinen Opas niemandem etwas erzählen.)

Kaan nickte.

Das Handy auf seinem Schoß vibrierte wieder. Sandra. Er legte die Hand darauf ohne es aufzunehmen, nur damit das Vibrieren aufhörte. Er konnte ihr nichts sagen was stimmte. Und einen Satz der nicht stimmte wollte er ihr nicht geben.

Nicht jetzt.


Vor dem Haupteingang des Krankenhauses rauchte er.

Er hatte das Rauchen vor zwei Jahren aufgehört. Das spielte heute keine Rolle. Er stand im Nieselregen und rauchte und dann rief er an.

Sandra nahm sofort ab.

»Kaan. Wo bist du? Ich habe mir Sorgen gemacht.«

Er hörte in ihrer Stimme die Nacht. Den Flughafen. Das Warten. Er hörte alles was sie nicht sagte. Und er wusste dass sie recht hatte — mit allem.

»Ich bin in Bochum.«

Sie erzählte ihm von der Nacht. Tausendmal angerufen. Aufgewacht und er war weg. Nicht gewusst was passiert war. Er ließ sie reden ohne zu unterbrechen weil sie Recht hatte und weil er ihr das zumindest geben konnte.

»Es tut mir leid. Ich konnte nicht rangehen.«

»Was ist denn passiert?«

Er schaute auf den Parkplatz. Die ordentlich geparkten Autos. Den normalen Morgen der dieser Morgen nicht war.

»Mein Großvater hatte gestern Nacht einen Herzinfarkt.«

Das Wort blieb in seinem Mund wie etwas das man nicht schlucken konnte. Er hatte gelogen. Seine Mutter hatte es so gewollt und er verstand warum und er hatte zugestimmt. Trotzdem.

Sandra schwieg einen Moment.

»Oh Gott. Geht es ihm gut?«

»Den Umständen entsprechend«, sagte er.

Das stimmte wenigstens.


In seinem Zimmer weckte ihn der Wecker um sieben.

Er schaltete ihn aus. Blieb liegen. Über seinem Bett, von der Decke hängend, der sechseckige Drachen — farbig, ziemlich verschlissen, schon seit Jahren dort, so lange dass er ihn meistens nicht mehr sah. An diesem Morgen sah er ihn.

Er betrachtete ihn eine Weile.

Dann stand er auf, trat vor den Standspiegel und schaute sich an. Sein Bart war gewachsen. Die Haare. Er versuchte mit den Händen den Haaren eine Form zu geben. Es half nicht besonders.

An der Wand neben dem Bett die große Weltkarte. Rote und weiße Reißzwecken auf den großen Städten der Welt. In Europa fast alle weiß, außer Berlin. Er hatte Berlin mit einer roten Reißzwecke markiert. Wann hatte er das getan. Er wusste es nicht mehr.

Er ging in die Küche.


Reyhan stand am Herd, eine Zigarette zwischen den Fingern, der Tee kochend. Sie kam vom Balkon herein als Kaan eintrat, und auf ihrem Gesicht war ein Ausdruck den er kannte — Müdigkeit, nicht die von schlechtem Schlaf, sondern die andere.

Sie schenkten sich Tee ein. Schwiegen.

Kaan griff nach der Zigarettenschachtel. Der Briefumschlag darunter fiel auf den Tisch. Das Geld das sein Vater ihm hatte geben wollen. Er hob ihn auf und legte ihn behutsam vor sich. Schaute seine Mutter an.

»Babanla aranızdaki bu çekişme beni çok üzüyo.« (Diese Auseinandersetzung zwischen deinem Vater und dir bedrückt mich sehr.)

Reyhan schaute ihn an. »İki arada kalıyorum.« (Ich steh zwischen euch beiden.) Eine Pause. »Nolur biraz anlasan onu? O senin baban. Napıyosa senin iyiliğin için.« (Bitte verstehe ihn ein wenig. Er ist dein Vater. Alles was er macht ist zu deinem Guten.)

Kaan hielt den Briefumschlag in der Hand. Das Geld das er nicht genommen hatte. Das Geld das Celal sich wahrscheinlich zusammengespart hatte ohne es zu zeigen, auf die stille Art wie Celal Dinge tat die er für selbstverständlich hielt.

Er legte den Umschlag zurück auf den Tisch.

Trank seinen Tee.


Vor dem Studentenwohnheim lehnte er an der Wand und wartete.

Er hatte sich nicht rasiert. Mehrere Tage nicht. Der Bart wuchs und er hatte aufgehört das zu bemerken so wie er aufgehört hatte viele Dinge zu bemerken in den letzten Tagen, weil die Aufmerksamkeit die man für solche Dinge brauchte gerade woanders war.

Sandra kam aus dem Eingang und umarmte ihn sofort.

Er erwiderte die Umarmung. Aber er war nicht ganz da — das spürte sie, er wusste dass sie es spürte und er konnte es nicht ändern. Er war ein Teil von ihm noch in dem Krankenhauszimmer, ein Teil von ihm auf der Straße in Dinslaken, ein Teil von ihm irgendwo zwischen dem Lügen und dem Schweigen.

Er schnipste die Zigarette weg.

Sie gingen in Richtung der Universität. Sandra sagte nach einer Weile: »Wenn du magst, kann ich dich heute zu deinem Großvater begleiten.«

»Danke, aber er braucht jetzt sehr viel Ruhe.«

»Okay.«

Sie nahm seine Hand. Er ließ es geschehen und drückte sie leicht, und sie gingen weiter, und der Herbst lag auf den Straßen, und Kaan trug das Tier in sich das nicht sang sondern wartete, und er wusste noch nicht auf was.