Kapitel 5

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Neun Elf

New York / Bochum, September 2001

Halid hatte Angst vor dem Fliegen.

Er würde das nie zugeben — nicht mit diesen Worten, nicht direkt. Aber Ramina wusste es, und Kaan wusste es, und wahrscheinlich wussten es Luca und Nicole auch, weil manche Dinge sich verrieten ohne dass man sie aussprach, in der Art wie jemand über etwas redete oder eben nicht redete, in der Lautstärke die Halid entwickelt hatte wenn das Thema Fliegen aufkam, dieser bestimmten Lautstärke die kein Zeichen von Sicherheit war sondern ihr Gegenteil.

In New York hatten sie die Wolkenkratzer besichtigt.

Halid hatte davon erzählt im Telefongespräch — noch vor dem Flughafen, noch vor allem — und Kaan hatte zugehört und geantwortet und Sandra hatte am Tisch gesessen und das Gespräch aus Kaans Seite verfolgt, dieses kurze Telefonat das nach nichts Besonderem klang und das trotzdem etwas in ihm auslöste, diese Art von Sehnsucht die er nie so nannte, die er irgendwo zwischen Freude und etwas Stechendem ablegte und dort ließ.

»Das glaub ich dir«, hatte Kaan gesagt. »Du, ich muss jetzt aber Schluss machen. Sandra wartet auf mich. Ich hole euch dann morgen ab.«

Er hatte aufgelegt. Sich zu ihr gesetzt. Einen Schluck von dem bereits kalten Kaffee getrunken.

»Der Kaffee ist schon kalt.«

»Was erzählt er so?«

»Ach, dies und das. Gestern haben sie einige Wolkenkratzer besichtigt.«

Sandra hatte gelächelt. »Wollen sie sich einen kaufen?«

Kaan hatte fast gelächelt. Fast.


Was Halid Kaan nicht erzählt hatte, weil er es erst später erfuhr: Ramina hatte in einem Copy-Print-Shop ein Foto von Kaan vergrößern lassen. Sie hatte es von Halid bekommen — ein Foto von Halid und Kaan, aus irgendeinem anderen Jahr, einem anderen Sommer. Sie hatte Kaans Gesicht ausgeschnitten, auf einen Rocky-Balboa-Aufsteller geklebt, und sie hatten sich alle zusammen davor fotografieren lassen. Als Geschenk für Kaan, der nicht dabei sein konnte.

Kaan würde das Foto erst viel später sehen.

Er würde es lange anschauen — nicht weil es besonders lustig wäre, obwohl es das war, sondern weil auf diesem Foto alle lachten. Alle vier. Vor dem World Trade Center das in drei Wochen nicht mehr existieren würde.


Im Café Paolazio kam Kaan mit seiner Schürze aus der Küche.

Es war ein normaler Dienstagvormittag. Die Gäste kamen und gingen, Paolo lief zwischen Küche und Theke, draußen schien die Sonne noch. Kaan hatte die Bestellung einer Gruppe am Fenster aufgenommen und wollte gerade zurück in die Küche als er bemerkte dass niemand mehr redete.

Die Gäste standen vor dem Fernseher in der Ecke.

Alle. Auf einmal. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Kaan ging näher. Auf dem Bildschirm sah er Rauch. Er sah einen Turm. Er sah den zweiten Turm. Und dann sah er — noch einmal, als Wiederholung, als wäre es nicht genug gewesen es einmal zu sehen — wie ein Passagierflugzeug in den zweiten Turm flog.

Er stand und schaute.

Alle standen und schauten.

Kein Geräusch außer dem Fernseher. Das Café hatte aufgehört zu existieren als Café und war zu dem geworden was es in diesem Moment war: ein Raum in dem Menschen standen und auf etwas schauten das sie nicht verstehen konnten, weil es keine Form hatte die man verstehen konnte, weil es außerhalb aller Formen lag die man kannte.

»Was ist denn da passiert?«, fragte Kaan.

Paolo stand neben ihm. »Zwei Flugzeuge sind ins World Trade Center reingeflogen.«

»Zwei Flugzeuge. Wie ist das denn passiert?«

»Keiner weiß es.«

In diesem Moment kamen zwei Personen herein und setzten sich an den Tisch am Fenster. Kaan band sich die Schürze um und ging zu ihnen. Er nahm ihre Bestellung auf. Er schrieb sie auf. Er ging zurück in die Küche.

Später würde er nicht mehr sagen können wie er den Rest dieses Tages gearbeitet hatte. Er hatte es getan — das wusste er, die Bestellungen hatten gestimmt, niemand hatte sich beschwert. Aber er würde sich nicht erinnern. Als wäre der Körper weitergegangen und der Rest von ihm irgendwo vor dem Fernseher stehengeblieben.


Am Flughafen Düsseldorf abends waren ungewöhnlich viele Polizisten.

Kaan hatte es bemerkt als er mit dem Auto ankam und wieder bemerkt als er drinnen wartete. Er hatte mit einigen Menschen gesprochen, versucht herauszufinden was los war. Die Monitore. Die Ankündigungen. Dann kamen sie durch die Ankunftsausgang — Halid, Ramina, Luca, Nicole — und Kaan ging schnell auf sie zu und sie umarmten sich, und in diesem Moment war er einfach froh dass sie da waren, körperlich da, dass er sie anfassen konnte.

Im Auto auf der Autobahn fragte Halid wie es war.

»Na, dann erzählt mal. Wie wars?«

Halid sah müde aus. Ramina hatte auf Halids Schulter geschlafen noch bevor sie die Autobahn erreicht hatten. Halid lächelte trotzdem. »Was soll ich erzählen? Es gab soviel zu sehen. Unglaublich. Alles so groß. Einfach GIGANTISCH.«

»Jetzt wollen wir mal nicht übertreiben«, sagte Ramina ohne die Augen zu öffnen.

»Was? Ich ÜBERTREIBE?«

Kaan fuhr und hörte zu. Halid erzählte — Freiheitsstatue, Empire State, World Trade Center, Central Park, Brooklyn Bridge, Museen. Kaan hörte die Namen und sah die Bilder die er sich dazu vorstellte und die er noch nie wirklich gesehen hatte, und darunter lag dieses stechende Etwas das er nicht Neid nannte und das trotzdem dort war.

»Keşke sen de olsaydın.« (Wärst du doch bloß dabeigewesen.)

Kaan atmete tief ein.

»Celal amca nasıl?« (Wie geht es Onkel Celal?)

»Daha iyi şimdi.« (Es geht ihm jetzt schon besser.)

Ramina öffnete die Augen. »Hey, redet doch bitte Deutsch. Ich verstehe kein einziges Wort.«

»Dann wirds ja echt Zeit, Türkisch zu lernen.«

Ramina schloss die Augen wieder. Halid grinste. Kaan schaute in den Rückspiegel.

Eine Weile fuhren sie schweigend. Ramina schlief wirklich jetzt. Halid schaute aus dem Fenster auf die Lichter der Autobahn.

»Hey Mann«, sagte Halid nach einer Weile. »Was war denn am Flughafen da draußen los? So viele Bullen auf einmal.«

»Weißt du es nicht?«

»Was nicht?«

Kaan schaute auf die Straße vor ihm. Das Licht der Scheinwerfer auf dem Asphalt. Die Leitplanke. Die Dunkelheit dahinter.

»Zwei Flugzeuge sind ins World Trade Center reingeflogen.«

Stille.

Dann: »WAS??? LABER KEIN SCHEIß!!!«

»Hey«, sagte Kaan ruhig. »Ihr kommt doch aus New York. Nicht ich.«

Halid drehte sich um. Schaute durch die Heckscheibe als würde er etwas sehen wollen das man von dort nicht sehen konnte. Dann drehte er sich wieder nach vorne. Er sagte nichts mehr. Kein weiteres Wort bis Bochum.

Das war ungewöhnlich für Halid.

Kaan fuhr und ließ ihm die Stille. Ramina schlief auf seiner Schulter. Die Autobahn lief unter ihnen durch. Und irgendwo hinter ihnen, in einer Stadt die sie gerade verlassen hatten und die noch nichts wusste von dem was die nächsten Wochen bringen würden — irgendwo dort, in einem kleinen Zimmer, lag Sandra wach und wartete auf einen Anruf der nicht kam.