Kapitel 6
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Die fremden Blicke
Bochum, Herbst 2001
Er bemerkte den ersten Blick kurz nach der Haltestelle Husemannplatz.
Ein Mann, Mitte vierzig, Aktentasche auf den Knien, schaute herüber. Nicht direkt — das war das Besondere daran, diese versteckten Blicke, die vorgaben keiner zu sein. Der Mann schaute hin und dann schnell weg und dann wieder hin, so wie man etwas anschaut das man nicht anschauen will aber nicht aufhören kann anzuschauen. Kaan sah es. Er sagte nichts. Er wandte den Blick ab und schaute aus dem Fenster auf die Straße die an der Straßenbahn vorbeizog.
Zwei Haltestellen weiter: eine Frau, jung, mit Kopfhörern, die trotz der Kopfhörer zu ihm herübersah. Dann ein älterer Herr. Dann ein Schüler, vielleicht sechzehn, der glaubte unsichtbar zu sein wenn er die Augen halb schloss.
Kaan kannte diese Blicke nicht.
Das war das Neue daran — dass er sie nicht kannte. Er kannte andere Blicke. Er kannte den Blick von Menschen die seine Eltern kannten und ihn grüßten. Er kannte den Blick von Menschen die ihn nicht kannten aber neugierig waren, das normale Neugier- blicken in einer Stadt. Aber das hier war anders. Das hier hatte eine Richtung. Eine Frage dahinter. Eine Antwort die sie bereits zu haben glaubten.
Er stand auf und stieg eine Haltestelle früher aus als er wollte.
Auf der Straße war die Luft kälter als drinnen gewesen war. Er blieb kurz stehen und atmete. Die Straßenbahn fuhr weiter. Er schaute ihr nach bis sie um die Ecke verschwunden war.
Im Krankenhaus schlief sein Vater.
Kaan öffnete die Tür leise und trat ein. Das Zweibettzimmer, das andere Bett leer. Celal lag am Fenster, den Kopf verbunden, die Wunden auf seinem Gesicht verharschend, die Arme auf der Decke. Kaan ging zum Fußende des Bettes. Er hob behutsam die Decke an und legte die Hände auf Celals Füße — einfach so, ohne Grund, ohne dass er hätte sagen können warum. Er strich eine Weile mit den Händen darüber.
Celal schlief weiter.
Der Fernseher lief lautlos. 9/11-Bilder, immer wieder, in dieser Endlosschleife die seit Tagen nicht aufhörte — der Rauch, die Türme, die Menschen auf den Straßen von Manhattan, die Gesichter. Kaan schaute eine Weile hin ohne wirklich zu sehen.
Dann weckte eine Krankenschwester seinen Vater. Mittagessen. Sie stellte das Tablett ab und war bereits wieder weg bevor Celal die Augen richtig geöffnet hatte.
»Nasılsın baba?«
Celal hob den Kopf leicht. »İyiyim.« Mir geht es gut. Eine Pause. »Gehts dir gut?«
»Nichts, alles wie immer.«
Sie schwiegen. Der Fernseher zeigte jetzt Bilder aus Bochum — ein Studentenwohnheim, eine Straße, Polizisten. Celal schaute hin. Kaan schaute hin.
Dann sagte Celal: »Ich weiß. Du denkst dass du alles verändern kannst. Dass du allen helfen kannst.«
Er schüttelte den Kopf — ganz sachte, fast unmerklich. »Aber das geht nicht. Nach einer Weile kapierst du dass deine Kraft nicht für alles reichen wird.«
Kaan schaute auf die Hände seines Vaters die auf der Krankenhausdecke lagen. Die Hände eines Mannes der sein Leben lang gearbeitet hatte — unter Tage, mit dem Körper, mit diesen Händen. Und jetzt lagen sie da.
»Ich habe nur einen einzigen Wunsch an dich«, sagte Celal. »Mach deine Schule. Das sollte bei dir immer im Vordergrund stehen.«
Kaan nickte.
Wie immer nickte er. Wie immer sagte Celal dasselbe. Wie immer lag zwischen ihnen dieser Raum der kein Schweigen war sondern etwas Dichteres — alles was sie sich nicht sagten, alles was sie nicht sagten weil sie es nicht konnten oder weil die Worte dafür nicht existierten oder weil manche Dinge zu wahr waren um sie laut zu machen.
Er blieb noch eine Weile. Dann ging er.
In der U-Bahn am Hauptbahnhof: dieselben Blicke.
Kaan stand und hielt sich an der Stange fest und schaute auf einen Punkt zwischen zwei Haltestellen und spürte wie die Blicke kamen. Er zählte sie nicht. Er schaute nicht zurück. Er ballte die Fäuste — das bemerkte er erst später, als er aus der U-Bahn gestiegen war und seine Hände ansah und die weißen Knöchel sah, die langsam wieder ihre Farbe zurückbekamen.
Er hatte es nicht gemerkt während er es tat.
Das war das Merkwürdige — dass der Körper Dinge tat ohne zu fragen. Dass die Hände sich schlossen und er es erst merkte wenn er hinsah.
Vor dem Kultur-Café sah er Halid und Ramina von weitem.
Etwas in ihm öffnete sich. So wie etwas sich öffnete wenn man nach langer Zeit jemanden sah dem man vertraute — nicht dramatisch, keine große Bewegung, nur dieses leise Nachlassen von etwas das man bis zu diesem Moment gar nicht gewusst hatte dass es angespannt gewesen war.
Er stand auf und ging ihnen entgegen.
»Wo seid ihr denn? Ich dachte wir treffen uns um zwei.«
Halid schaute auf seine Uhr. »Ist ja erst viertel nach zwei.«
Sie schauten sich an. Und dann — er wusste nicht wer angefangen hatte — lächelte Kaan. Halid lachte. Sie umarmten sich, die Art von Umarmung die keine Geste war sondern einfach passierte, und dann umarmte Kaan Ramina, und für einen Moment war da nur das: dieser Bürgersteig vor dem Café, diese zwei Menschen, diese Umarmung.
Halid holte einen Handzettel aus der Tasche.
»Was ist das?«
»Lies doch mal.«
StuPa-Wahl. Ruhr Universität. Arabischer Studentenbund. Und ganz unten auf einer Liste mit zehn Namen: Halid Morad.
Kaan lächelte leicht. »Was? Du kandidierst ernsthaft für StuPa?«
»Jaa. Habe ich dir doch letztens erzählt!«
»Wieso steht denn dein Name ganz unten auf der Liste? Weil du nur halb Araber bist?«
»Du bist ja lustig.«
Ramina verdrehte die Augen. »Wir verpassen Staatsrecht eins.«
Halid ignorierte sie. »Du könntest auch mitmachen.«
In diesem Moment sah Kaan Sandra — sie kam die Treppe von der Straßenbahnstation hoch, gegen den Wind, die Haare im Gesicht. Er sagte den anderen sie sollten schon reingehen.
Er ging ihr entgegen.
Halid und Ramina schauten ihm hinterher.
»Er liebt sie«, sagte Ramina.
»Das kannst du aber laut sagen.«
Im Vorlesungssaal saßen sie Hand in Hand.
Die Vorlesung hatte schon begonnen. Halid hatte ihnen von weitem gewunken und Plätze gezeigt. Kaan hatte Sandras Hand genommen als sie sich setzten, so wie er das manchmal tat — ohne darüber nachzudenken, weil es einfach da war, ihre Hand, und er sie nahm.
Sie hörten zu. Draußen war Herbst.
Am Hauptbahnhof, Gleis 8, stiegen sie in die S-Bahn.
Im letzten Moment, als die Türen sich gerade schlossen, sprang jemand hinein — ein langer, blonder junger Mann, er kam angelaufen und sprang und stieß dabei Kaan heftig um, der direkt an der Tür stand. Kaan rappelte sich auf. Drehte sich um.
Lange Blickte ihn kurz an. Sagte kein Wort. Ging durch den Zug.
Kaan schaute ihm nach.
Und dann fuhr die S-Bahn.
Während der Fahrt saß Sandra neben ihm und sah was er sah — die Fahrgäste, die von Zeit zu Zeit herüberschauten, dieses Taxieren, diese Blicke die keine Blicke sein wollten. Sie sah es und schwieg. Sie sah auch wie Kaans Hände sich schlossen — langsam, ohne dass er es merkte, die Knöchel weiß — und sie sagte nichts, weil sie nicht wusste was man sagte, weil es keinen richtigen Satz gab für das was sie sah.
In Dortmund, im Café Zuhause, war es warm.
Drinnen sah es aus wie in einem Haus — Sofas, Beistelltische, Sessel, Lampen in den Ecken. Kaan sah als erstes das Sofa für zwei Personen und setzte sich. Sandra setzte sich neben ihn. Dann stand er auf und fragte ob sie was trinken wollte.
»Eine heiße Schokolade wäre nicht schlecht.«
Er kam zurück mit zwei Bechern. »Heiße Schokolade. Mit Milch gemacht.«
»Woher weißt du das?«
»Was?«
»Dass ich sie mit Milch mag.«
Er zog leicht die rechte Schulter hoch. Lächelte. Nicht groß — nur dieser Anflug von etwas das kein richtiges Lächeln war aber daran erinnerte.
Kurz darauf betrat Selim Özdoğan den Raum. Blätter in der Hand. Er setzte sich an den alten Tisch im hinteren Teil, machte die Leselampe an, ordnete die Blätter, schaute kurz in den Raum.
»Hi. Ihr seid alle herzlich willkommen. Ich werde heute Abend drei Geschichten vorlesen. Die erste heißt Licht.«
Kaan lehnte sich zurück. Sandra lehnte sich leicht an ihn. Die Stimme von Selim Özdoğan füllte den Raum, ruhig, ohne Eile, die Stimme von jemandem der wusste dass er Zeit hatte und der sie nicht verschwendete.
Kaan hörte zu.
Und in diesem Hören — in dieser Stunde in einem warmen Raum in Dortmund mit einer heißen Schokolade und Sandras Schulter an seiner und einer Stimme die eine Geschichte erzählte — war das Tier in ihm still. Nicht weg. Nur still. Wie etwas das gewartet hatte und jetzt kurz Pause machte.
Kaan wusste das er diese Stunden sammeln musste. Er wusste nur noch nicht warum.
Auf Gleis 7 des Hauptbahnhofs, auf dem Heimweg.
Kaan bückte sich um seinen Schnürsenkel zu binden. Sandra stand an der Treppe und wartete. Hinter ihm hörte er Stimmen — laut, ausgelassen, die Stimmen von Menschen die Bierflaschen und Joints hatten und auf nichts achteten.
Lange.
Er erkannte ihn bevor er ihn sah — an der Art wie jemand gegen ihn stieß, dieselbe Achtlosigkeit, der- selbe Körper der keine anderen Körper registrierte. Lange fiel. Lachte. Seine Freunde lachten. Sogar Sandra, die von der Treppe aus zusah, lächelte kurz.
Kaan richtete sich auf.
Er sah Lange. Und in dem Moment in dem er ihn erkannte — in dem Bruchteil einer Sekunde zwischen Erkennen und Handeln — war da eigentlich Zeit genug um zu entscheiden. Um zu sagen: nein, nicht hier, nicht jetzt, lass es.
Er ließ es nicht.
Er griff Langes Kragen und stieß ihn weg. Mit aller Kraft. Lange flog rücklings auf den Boden, der Kopf prallte auf, und dann schlug Kaan auf ihn ein — nicht einmal, mehrmals, obwohl Lange schon unten war, obwohl Langes Freunde sich auf ihn stürzten, obwohl er wusste dass er verlieren würde, drei gegen einen, und trotzdem.
Sandra schrie.
Er hörte es durch alles hindurch — durch den Lärm, durch den Schmerz als jemand ihn gegen den Bauch traf, durch das Fallen. Er hörte ihre Stimme und irgendwo dahinter hörte er die Sirene und dann war da der Boden und seine Hände an seinem Bauch und er wartete bis alles aufhörte.
Die Sicherheitsmänner hoben ihn auf eine Bank.
»Gehts Ihnen gut?«
»Es geht schon. Mein Bauch tut nur etwas weh.«
»Mein Kollege ruft gleich einen Krankenwagen und benachrichtigt die Polizei.«
»Nein.« Er sagte es zu laut. Zu schnell. Fast schreiend. »Nein. Ich will keine Polizei. Mir gehts gut.«
Er stand auf, mit Mühe, Sandra hakte sich bei ihm ein. Sie gingen zur Treppe. Kaan schaute nicht zurück.
Sie saß auf dem Schreibtisch und hielt sich die Tischplatte mit beiden Händen fest.
Nicht weil sie fallen würde. Sondern weil die Hände etwas brauchten womit sie beschäftigt sein konnten.
Das Licht durch den Spalt der Gardine war das erste Licht des Morgens — noch nicht Helligkeit, eher die Ankündigung davon, das Grau das kam bevor die Farben zurückkamen. Kaan schlief in etwas verkrümmter Körperhaltung. Die Art wie man schlief wenn man Schmerzen hatte und sie im Schlaf vergaß und sie trotzdem spürte und sich um sie herum neu anordnete.
Sandra schaute ihn an.
Sie schaute ihn an und versuchte zu verstehen was sie gestern Nacht gesehen hatte — nicht Lange auf dem Boden, nicht die Männer die auf Kaan eintraten, nicht ihr eigenes Schreien. Sondern den Moment davor. Den Bruchteil einer Sekunde als Kaan Lange erkannt hatte.
Sie kannte diesen Moment.
Nicht von Kaan. Von früher. Von einem Schlafzimmer in einem großen Haus in Düsseldorf und einer Tür die verschlossen war und Stimmen dahinter die immer lauter wurden. Sie hatte die Schlüssel geholt und einen nach dem anderen probiert und die Tür war aufgegangen.
Und dahinter war ihr Vater gewesen.
Kaan war nicht ihr Vater. Das wusste sie. Das wusste sie mit dem Teil von ihr der Worte hatte und Unterschiede benennen konnte. Kaan schlug nicht sie. Kaan schlug für andere. Kaan schlug weil jemand eine Frau festhielt und weil er das nicht stehen lassen konnte.
Das war nicht dasselbe.
Das wusste sie.
Aber ihr Körper wusste es nicht. Ihr Körper war sieben Jahre alt und stand vor einer Tür und hörte Stimmen und wusste was kam. Ihr Körper kannte nur eines: dass Fäuste fielen und dass das bedeutete dass die Welt eine Form annehmen konnte die sie nicht kontrollierte.
Sie ließ die Tischplatte los.
Stand auf. Zog sich an, leise, ohne Licht. Nahm ihren Mantel vom Haken. Ihr Handy. Schaute noch einmal zu Kaan.
Er schlief.
Sie ging.
Nicht weil sie ihn nicht liebte. Nicht weil sie nicht zurückkommen wollte. Sondern weil der Körper das entschieden hatte lange bevor sie es wusste — in einem Schlafzimmer in Düsseldorf, mit Schlüsseln in den Händen, vor einer Tür die hätte geschlossen bleiben sollen.