Kapitel 7

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Der Brief unter der Tür

Bochum, Herbst 2001

Sie hatte nicht lange gebraucht.

Das war das was sie später am meisten beschäftigen würde — nicht die Entscheidung selbst, sondern wie schnell sie gekommen war. Wie sie aufgestanden war und die Hände schon wussten was sie taten bevor der Kopf gefragt hatte. Das Zimmer. Die Sachen. Den Rucksack. Den Brief in der Tasche.

Eine Entscheidung sah anders aus.

Eine Entscheidung hatte Abwägen. Hatte Hin-und-Her. Hatte diesen Moment wo man an der Tür stand und sich noch einmal umdrehte.

Sie hatte sich nicht umgedreht.

Der Körper war einfach gegangen. So wie er als Kind zu seiner Mutter gelaufen war — nicht weil er wusste was er tun würde wenn er ankam, sondern weil Laufen das Einzige gewesen war das er kannte.

Sandra saß auf Patricias Bett und wusste nicht was sie sagen sollte.

Das war selten. Sandra wusste meistens was sie sagen sollte — sie hatte das früh gelernt, dieses Finden der richtigen Worte für den richtigen Moment, die Fähigkeit Sprache zu benutzen ohne sich darin zu verlieren. Aber Patricia hatte gefragt »Was hast du jetzt vor?« und die Antwort war: nichts. Nicht im Sinne von leer, sondern im Sinne von — sie sah keinen nächsten Schritt. Sie sah nur diesen Morgen, dieses Zimmer, diese Tasse die Patricia ihr gereicht hatte und die sie mit beiden Händen hielt ohne zu trinken.

»Weiß er, dass du jetzt hier bist?«

»Nein. Er war noch am Schlafen als ich ging.«

Patricia nickte. Stellte keine weiteren Fragen. Das war das Gute an Patricia in solchen Momenten — sie wusste wann Fragen halfen und wann sie nicht halfen, und jetzt halfen sie nicht.

Ich weiß es einfach nicht, hatte Sandra gesagt.

Das stimmte. Sie wusste es wirklich nicht. Sie wusste nicht was sie mit dem Brief machen sollte der noch immer in ihrer Tasche lag, sie wusste nicht was sie mit dem tun sollte was sie gestern Nacht gesehen hatte — Kaan auf dem Boden des Bahnsteigs, die Männer die auf ihn eintraten, ihr eigenes Schreien, ihre eigene Angst. Sie wusste nicht ob das Angst vor den Männern gewesen war oder Angst vor etwas in ihm. Oder beidem.

Dann klingelte ihr Handy.

Sie nahm ab. Ihre Mutter.

Charlotte erzählte von den Nachrichten — ein Terrorist habe in einem Bochumer Studentenwohnheim gewohnt, die Polizei sei dort, man mache sich Sorgen. Sandra antwortete ruhig, beschwichtigte, sagte alles in Ordnung, und während sie sprach trat sie an das Fenster und sah nach unten.

Und sah Kaan.

Er kam aus dem Haupteingang des Wohnheims — eilig, zu eilig für diesen Morgen, er hatte es irgendwie nicht gewusst. Und dann hielten ihn die Polizisten an. Einer hob die Hand. Kaan blieb stehen. Sandra sah von oben zu, wie er in seinen Taschen suchte, wie er etwas vorwies, wie der Polizist den Kopf schüttelte.

»Sandra? Hörst du mich? Bist du noch da?«

»Ja, Mama. Ich rufe dich später an.«

Sie legte auf.

Unten: Kaan versuchte wegzugehen. Der Polizist ließ es nicht zu. Und dann — sie sah es von oben, durch das Glas, lautlos — kam es zu einem Gerangel, und die Polizisten drückten ihn zu Boden, und Sandra sah wie seine Hände auf den Asphalt kamen, und dann die Handschellen, und dann den Minibus.

Sie stand am Fenster und sah bis der Minibus um die Ecke gefahren war.

Dann stand sie nur noch am Fenster.


Kaan saß auf dem Boden vor der Zentralbibliothek und las den Brief.

Er hatte ihn jetzt vielleicht zehnmal gelesen. Er wusste nicht genau wie oft. Er las ihn und wenn er am Ende angelangt war fing er wieder von vorne an, nicht weil er hoffte dass die Worte sich verändert hätten — er wusste dass sie das nicht taten — sondern weil das Lesen etwas zu tun gab, eine Richtung für die Augen, etwas womit die Hände beschäftigt sein konnten.

Es war Nacht. Über ihm brannte eine Lampe. Die Luft war kalt und schlecht, irgendetwas in der Luft an diesem Herbst das sich anders anfühlte als andere Herbste, schärfer, weniger einladend. Fast niemand war draußen.

Dann kam Halid aus der Bibliothek.

Er sah Kaan. Nahm den Rucksack ab. Setzte sich neben ihn ohne zu fragen. Holte das silberne Zigarettenetui — mit Gravur, das Etui das Kaan kannte wie seine eigene Tasche weil Halid es immer dabei hatte — und nahm zwei Zigaretten heraus, reichte eine Kaan, zündete beide an.

Kein Hallo. Kein Was machst du hier. Einfach setzen und anzünden. Das war Halid.

»Wie oft willst du das noch lesen?«

»Ich weiß nicht.«

Ein kurzes Schweigen. Kaan zog an der Zigarette.

»Sie ist weg«, sagte er. »Weg. Ich weiß nicht mal wohin.«

Die Worte kamen schwer. Nicht weil er sie nicht sagen konnte — sondern weil sie, einmal gesagt, wahr waren auf eine andere Art als vorher, eine lautere Art, eine die draußen existierte und nicht nur in ihm.

»Ich weiß nicht was in mich gefahren ist. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen.«

Halid drehte sich zu ihm. Schaute ihn an.

»Denkst du mir geht es anders?«

Kaan sah ihn an.

»Seit Tagen werde ich schräg angeschaut.« Halid sagte es mit lauter Stimme, nicht wütend, eher mit der Lautstärke von jemandem der etwas sagt das er lange bei sich getragen hat. »Überall. In der U-Bahn, auf der Straße, sogar hier in der Uni. Ich schaue einfach weg. Ja, einfach weg.«

Er machte eine Pause. Zog an seiner Zigarette.

»Du musst deine Nerven behalten. Es geht nicht anders — verstehst du? Die Menschen kennen uns ja gar nicht. Wissen nicht wer wir sind.«

Kaan sagte nichts.

Er saß da und hörte Halids Worte und wusste dass Halid recht hatte. Wegsehen. Nerven behalten. Das war die vernünftige Antwort, die einzige Antwort die funktionierte, die einzige die keine weiteren Konsequenzen hatte. Er wusste es.

Und er wusste auch — er spürte es mit der Genauigkeit mit der man Dinge spürte die man nicht aussprach — dass er es nicht konnte.

Nicht immer.

Vielleicht nicht einmal meistens.

Er schaute auf den Brief in seiner Hand. Sandras Handschrift. Die Worte die er auswendig kannte nach zehnmaligem Lesen und die trotzdem jedes Mal trafen als wäre es das erste Mal, weil manche Dinge nicht stumpf wurden egal wie oft man sie hörte.

Der Blumenstrauß lag noch irgendwo auf dem Boden des Flurs vor ihrem Zimmer.

Er hatte ihn fallen lassen und nicht aufgehoben.

Er wusste nicht warum er daran dachte — an den Strauß, an die Blumen die jetzt dort lagen, an die Art wie er gefallen war, langsam, wie in Zeitlupe, wie Dinge fielen wenn man aufgehört hatte sie festzuhalten.

Halid rauchte neben ihm und schwieg.

Draußen war Bochum. Draußen war Herbst. Und irgendwo in dieser Stadt — er wusste nicht wo — war Sandra, mit dem Berlin-Brief in der Tasche und einem anderen Brief den sie ihm geschrieben hatte und der in seinen Händen lag und der ihm erklärte warum sie gegangen war, und er las ihn zum elften Mal, in der Kälte, unter der Lampe, neben Halid der schwieg und da war, und das war genug, das war das Einzige was gerade half: dass jemand da war und schwieg.