Kapitel 8

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Jahre später

Bochum — Gegenwart

Die Monate nach dem Herbst 2001 hatten eine bestimmte Farbe — nicht grau, eher das Beige von Aktendeckeln und Gerichtssälen und Räumen in denen die Luft nach Papier roch. Kaan hatte das Staatsexamen gemacht. Halid hatte das Staatsexamen gemacht. Sie hatten eine Kanzlei gegründet, in Bochum, in einem Altbau dessen Fenster im Sommer klemmten und im Winter zogen, und die ersten Mandanten waren gekommen und die ersten Fälle waren gewonnen und verloren worden, und das Leben hatte die Form angenommen die es annimmt wenn man aufgehört hat gegen es zu kämpfen: eine erkennbare Form, mit Konturen, mit einem Morgen der dem Abend folgte.

Kaan hatte nicht mehr in den Keller gemüssen. Oder seltener. Das war nicht dasselbe, aber es war etwas.

Von Sandra hatte er nichts gehört.

Jahre. Kaan hätte nicht sagen können wie viele genau, nicht weil er es vergessen hätte, sondern weil die Zeit zwischen dem Herbst 2001 und heute keine gerade Linie war sondern eher etwas das sich gebogen und gestreckt hatte, mal schnell, mal so langsam dass man dachte es bewege sich überhaupt nicht.

Jetzt trug er eine Robe.

Er trug sie so wie er alles trug was er trug — ohne viel Aufhebens, als wäre es einfach da und er darin. Die schwarze Ledertasche in der Hand, die Robe über dem anderen Arm, die Schuhe auf dem Marmorbo den des Gerichtskorridors. Er sah Halid am anderen Ende — ebenfalls in Robe, gerade dabei seinem Mandanten die Hand zu schütteln, ein Mann in den Fünfzigern der »çok saolun avukat bey« sagte mit der Erschöpfung von jemandem dem gerade etwas abgenommen worden war das er lange getragen hatte.

»Haftaya gelin«, sagte Halid. »Geri kalan ayrıntıları konuşalım.«

Der Mann nickte, ging. Halid drehte sich um und griff zum Handy. Kaans Handy klingelte.

Er schaute auf das Display. Schaltete es aus. Ging auf Halid zu.

»Ben de tam seni arıyodum.«

»Benim iş uzadı biraz«, sagte Kaan. »Sen bekleme, ofise git.«

Halid nickte. Und dann, schon halb abgewandt, mit dem Lächeln das er hatte wenn er etwas sagte das keine Frage war und keine Bitte sondern einfach eine Erinnerung daran dass der Abend existierte: »Akşama geç kalma.«

Kaan ging seinen Mandanten entgegen die am anderen Ende des Korridors warteten.


Das Haus hatte eine Garage.

Das war das Erste was Kaan bemerkte als er ausstieg — nicht aus Neid, eher aus dieser stillen Freude die man manchmal hatte wenn man sah dass jemandem dem man gut kannte etwas Gutes passiert war. Halid und Ramina hatten ein Haus. Zweistöckig, gepflegte Straße, Garage. Kaan klingelte mit dem Geschenkpaket unter dem Arm.

Ramina öffnete die Tür.

Drinnen: die übliche Unordnung von jemandem der gerade eingezogen war, Kartons an den Wänden, Dinge die noch keinen Platz gefunden hatten. Kaan hing seinen Mantel an die Garderobe und schaute sich um und dachte: das hier wird ein Zuhause. Man konnte das spüren manchmal, in Räumen, bevor sie es wurden.

Dann kam Halid die Treppe herunter.

Jamil an einer Hand — zwei Jahre alt, mit dem ernsten Gesicht kleiner Kinder die die Welt noch sehr genau nehmen — und Sevda auf dem anderen Arm, acht Monate, rund und aufmerksam. Halid setzte Sevda ab. Und Sevda — begann zu krabbeln.

»Was, sie krabbelt schon?«

Kaan nahm sie auf den Arm. Hielt sie. Liebkoste sie mit der Unbefangenheit von jemandem dem Kinder keine Fremdheit waren, der keine Distanz zu ihrer Schwere und ihrer Wärme hatte. Dann setzte er sie ab und wandte sich Jamil zu, hockte sich hin, sprach mit ihm auf Augenhöhe.

Halid schaute zu.

»Was ist los Kollege? Wieso stehen die Kartons noch überall rum? Sagtest du etwa nicht dass du zur Einweihung alles fertig bekommst, oder irre ich mich?«

Ramina konnte sich nicht zurückhalten. »Geredet wird viel, gemacht gar nichts. Frag ihn mal ob er überhaupt Zeit für seine Familie hat.«

»Hey, hey.« Halid hob die Hände. »Wir wollen uns heute amüsieren, nicht kritisieren. Okay?«

Er schickte Kaan ins Wohnzimmer. »Geh du rein. Wir kommen gleich.«


Im Wohnzimmer: bekannte Gesichter. Luca, Nicole, ein paar befreundete Paare, kleine Grüppchen, Musik. Kaan ging herum und begrüßte die Menschen der Reihe nach, und es war gut — das war das richtige Wort dafür, gut, nicht aufregend, nicht besonders, aber gut auf diese solide Art die manche Abende hatten wenn man unter Menschen war die man kannte und die man mochte.

Dann klingelte die Haustür.

Niemand kümmerte sich darum. Kaan verließ das Wohnzimmer.

Vor der Tür stand eine Frau Ende Zwanzig. Dunkle glatte Haare, ein mittelgroßes Geschenkpaket in der Hand, und auf ihrem Gesicht der Ausdruck von jemandem der kurz davor war zu gehen.

»İyi akşamlar.«

»İyi akşamlar.«

»Az daha gidiyodum.«

»Duymadılar sanırım«, sagte Kaan.

Sie kam rein. Legte das Geschenkpaket auf die Garderobe, hängte den Mantel auf. Dann reichte sie ihm die Hand.

»Ben Hülya.«

»Memnun oldum. Ben Kaan.«


In der Küche tranken sie Kaffee.

Hülya hatte zwei Zigaretten aus der Packung auf dem Tisch genommen und eine Kaan hingehalten. Sie hatten sie angezündet und dann geredet — über Sport, über das Gymnasium in Istanbul, über Dortmund und Bochum, über Freundschaften die hielten und solche die nicht hielten. Hülya redete mit Händen und Mimik, eine Art zu reden die dem Gesagten immer noch eine zweite Schicht gab, und sie lachte an den richtigen Stellen und hatte keine Angst vor Pausen.

»Ya kusura bakma«, sagte sie irgendwann. »Şarap benim çeneme vuruyo. Çok konuşuyorum.«

»Hayır canım. Ne kusuru. Sohbet ediyoruz.«

Und das stimmte — das war Unterhaltung, echte, die Art die nicht angestrengt war sondern einfach passierte. Kaan merkte dass er entspannt war. Nicht das Entspanntsein von jemandem der sich Mühe gab entspannt zu wirken, sondern das echte, das kam wenn man aufgehört hatte an etwas zu denken das man sonst immer dachte.

Als Halid hereinkam und sie zum Tabu-Spielen holte, sagte Kaan: Spielt ihr mal. Wir stoßen später dazu.

Hülya schaute ihn kurz an. Nickte.

Halid schaute die beiden an. Sagte nichts. Ging.


Als die letzten Gäste gegangen waren saßen Kaan, Halid und Ramina allein im Wohnzimmer.

»Wir.« Halid grinste breit. »„Spielt ihr mal, wir stoßen später dazu.” Wer ist wir, Mann? Wer ist wir? Wie ich sehe sind wir gleich wir geworden!«

Kaan ging nicht darauf ein.

Ramina schaute ihn an. »Ich glaube, sie mag dich.«

»Ja klar mag sie ihn!« Halid wurde ernster. »Was habt ihr die ganze Zeit geredet?«

»Über dies und das.«

»Und wann geht ihr aus?«

Kaan lächelte. Schüttelte den Kopf. »Du bist doch ein Spinner.«

Halid lächelte zurück, kurz, dann legte sich das Lächeln etwas. »Ja, gut möglich.« Eine Pause. »Hey. Ich will nicht dass du die ganze Zeit alleine rumhängst.«

Kaan hörte es. Er hörte was drunter war — nicht die Fürsorge die sich als Neugier verkleidete, sondern die echte, die die Form von Witzen hatte und trotzdem real war. Das war bei Halid so. Er sagte Dinge indem er andere Dinge sagte.

Kaan stand auf. Nahm seinen Mantel.


Am nächsten Tag gingen sie zusammen Richtung Bermudadreieck.

Halid telefonierte. Raminas Stimme aus dem Lautsprecher. »Schatz, fragst du ihn ob er Freitagabend zum Bowlen kommt.«

Halid drehte sich leicht zu Kaan. »Kommst du Freitagabend zum Bowlen?«

Kaan sah Halids Gesicht und wusste bereits was folgen würde. Er sah es in der Selbstverständlichkeit mit der Halid fragte, in der Art wie jemand fragt wenn die Antwort eigentlich schon feststeht und nur noch ausgesprochen werden muss.

»Kommst du oder nicht?«

»Jaa, ich komme.«

»Ja, er kommt«, sagte Halid ins Telefon. »Ok Schatz. Tschüss.«

Er legte auf. Schaute Kaan an.

Und zwinkerte.

»Hey du. Freitagabend gehen wir alle zum Bowlen.«

Eine Pause. Das Bermudadreieck öffnete sich vor ihnen, die vertrauten Straßen, das Café Paolazio in der Ferne.

»Sie wird auch da sein.«

Kaan schaute geradeaus.

»Hülya — kapito!«

Er sagte nichts. Halid lachte. Und Kaan dachte an die Küche, an den Kaffee, an die Zigarette die Hülya ihm hingehalten hatte, und an das Entspanntsein das er nicht hatte kommen sehen.

Er dachte auch an etwas anderes. An etwas das er Halid nicht sagte und das er vielleicht nie sagen würde, weil manche Dinge keine Worte brauchten und weil Halid es wahrscheinlich sowieso wusste.

Dass er Freitagabend ans Telefon gegangen war als es klingelte.

Und dass der Name auf dem Display nicht Hülyas Name gewesen war.