Kapitel 9
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Die Lesung
Berlin / Düsseldorf / Bochum — Gegenwart
Das Taxi fuhr durch Berlin und Sandra schaute aus dem Fenster ohne wirklich hinzuschauen.
Sie kannte diese Straßen inzwischen gut genug dass sie sie nicht mehr sehen musste — sie waren einfach da, die Häuser, die Kreuzungen, die Bäume die langsam ihre Blätter abgaben, alles vertraut auf diese stille Art die Vertrautheit hatte wenn sie irgendwann aufgehört hatte aufzufallen.
Dann klingelte ihr Handy.
»Fischer, hallo.«
»Frau Fischer. Neumann am Apparat, Kunstakademie Düsseldorf.«
Sandra lehnte sich leicht zurück. Draußen zog Berlin vorbei. Prof. Neumann erklärte: die Stelle, letztes Jahr nicht besetzt, jetzt wieder ausgeschrieben, Einladung zu einem persönlichen Gespräch. Sandra hörte zu und antwortete in dem ruhigen Ton den sie für Gespräche hatte die sie noch nicht einordnen konnte.
Als sie auflegte schaute sie wieder aus dem Fenster.
Berlin. Die Straßen. Die Häuser. Das alles das sie kannte.
Sie dachte: das sieht gerade anders aus als noch vor fünf Minuten. Nicht weil es sich verändert hatte. Sondern weil sie sich verändert hatte, in genau dem Moment, in dem Prof. Neumanns Stimme aus dem Telefon gekommen war. So war das manchmal — dass ein einziger Anruf die Oberfläche der Dinge leicht verschob und alles danach ein bisschen anders aussah, ohne dass man sagen konnte was sich verändert hatte.
In Düsseldorf lief ihr der Hund entgegen.
Sandra öffnete die Gartenpforte und der Golden Retriever war sofort da — um ihre Beine herum, laut, freudig, mit der bedingungslosen Begeisterung der Hunde die keine Ahnung hatten wie lange man weg gewesen war und denen das keine Rolle spielte. Sandra bückte sich und streichelte ihn.
Dann kam Richard aus dem Gartenhaus.
Er kam auf sie zu, ruhig, mit dem Lächeln das er für solche Momente hatte — nicht groß, nicht demonstrativ, aber da. Sie umarmten sich. Richard roch nach Holz und nach diesem bestimmten Waschmittel das er seit Jahren benutzte.
Beim Abendessen saß Charlotte zwischen ihnen und redete.
»Ich freue mich so sehr dass du wieder zurückkommst.«
»Mama, es ist noch nichts entschieden. Ich bin mir nicht so sicher ob ich die Stelle überhaupt haben möchte.«
Charlottes Überraschung war sofort in ihrem Gesicht. »Aber wenn du dir nicht sicher bist, warum bewirbst du dich denn?«
Sandra blickte kurz zu ihrem Vater. Richard hielt seinen Ausdruck neutral — dieses leichte Zurückhalten das er hatte wenn er in einem Gespräch war das er nicht lenken wollte aber beobachtete.
»Das war vor einem Jahr«, sagte Sandra. »Jetzt sieht alles wieder ganz anders aus.«
Richard lächelte leicht. »So, meine Damen. Schluss mit der Diskussion.«
»Wir diskutieren doch gar nicht«, sagte Charlotte ernst.
Dann wandte sie sich Sandra zu: »Du bleibst aber ein paar Tage hier, oder?«
Sandra sah ihre Mutter an. In Charlottes Gesicht war etwas das sie kannte und das sie manchmal vergaß — diese Wärme, echt und ungeschützt, die ihre Mutter nicht versteckte und die Sandra manchmal schwerer war auszuhalten als Kälte es gewesen wäre.
»Natürlich bleibe ich, Mutter.«
Sie streckte die Hand aus. Charlotte streckte auch die Hand aus. Einen kurzen Augenblick schauten sie sich an, ihre Hände ineinander, ohne Worte.
Im Café Paolazio blätterte Kaan in der Coolibri.
Er hatte sich an den Fenstertisch gesetzt — denselben Tisch von damals, oder einen ähnlichen, es spielte keine Rolle, die Fenster waren dieselben und der Blick auf das Bermudadreieck draußen war derselbe. Paolo kam und setzte sich ohne zu fragen.
»Na du Rechtsanwalt, du siehst heute besonders schick aus!«
Kaan nahm die Krawatte ab und steckte sie in die Anzugtasche. »Ich hasse Anzüge. Leider ist das in diesem Geschäft ein Muss.«
»Hast du schon Feierabend?«
»Ja. Keine Nachmittagstermine. Also hab ich mir selbst frei gegeben.«
»Na erzähl mal. Was geht denn bei dir so ab?«
»Gar nichts.«
»Wie gar nichts? Du verdienst doch bestimmt Schweinegeld!«
Kaan lächelte. »Erstens verdiene ich noch kein Schweinegeld. Zweitens, wenn ja, dann hätte ich kaum mehr Zeit für mich.«
Paolo lachte so laut dass die anderen Tische herüberschauten. »Ooo. Du Armer. Du tust mir echt leid, Mann.«
Er stand auf. »Was soll ich dir bringen?«
»Das Übliche.«
Kaan schaute wieder in die Coolibri. Draußen das Bermudadreieck. Das Café das sich nicht wirklich verändert hatte, oder das er sich nicht verändert vorstellte, weil manchen Orten eine bestimmte Eigenschaft hatte — sie blieben so wie man sie kannte, egal wie viele Jahre vergingen.
Das Vorstellungsgespräch an der Kunstakademie lief gut.
Prof. Neumann war direkt: die Unterlagen seien eindrucksvoll, eine Kleinigkeit aber gebe es — die zwei, drei Semester Jura in Bochum.
»Meinen Sie die zwei Semester in Bochum?« Sandra hatte leicht gelächelt.
»Drei, oder nicht?«
»Das letzte war ich zwar eingeschrieben, aber meine Entscheidung stand schon am Anfang fest.«
Prof. Neumann hatte genickt, verständnisvoll. Dann die Frage: Jura und Kunst hätten wenig gemeinsam, oder?
»Meine Eltern sind Juristen«, hatte Sandra gesagt. »Mein Vater Richter am Landgericht Düsseldorf. Meine Mutter Rechtsanwältin.«
Eine Pause. Dann: »Letztendlich habe ich diese Erfahrung machen müssen, um mich dann für Kunst zu entscheiden.«
Das stimmte. Das stimmte wirklich. Sie hatte es in diesem Satz zum ersten Mal so klar gehört — nicht als Verteidigung, sondern als Tatsache.
Kaan war an diesem Abend nicht zum Bowlen gegangen.
Halid hatte ihn im letzten Moment angerufen. Er hatte das Handy auf lautlos gehabt — zumindest hatte er das gesagt. Die Wahrheit war dass er in der Coolibri die Ankündigung gesehen hatte: Selim Özdoğan. 3L: Licht, Liebe, Loslassen. Düsseldorf.
Er hatte die Coolibri zusammengefaltet und war gefahren.
Der Saal war voll als er ankam. Bücherregale an den Wänden, Tische, eine kleine Bühne in der Mitte. Eine Frau spielte Gitarre. Kaan holte sich ein Heißgetränk und setzte sich an einen Platz neben den Bücherregalen, weit weg von der Bühne.
Dann kam Selim Özdoğan.
Die erste Geschichte hieß Licht. Die zweite Liebe.
Kaan hörte zu. Er hörte wirklich zu — nicht mit der halbabwesenden Aufmerksamkeit von jemandem der woanders ist, sondern vollständig, so wie er manchmal zuhören konnte wenn etwas ihn erwischte ohne Vorwarnung. Die Sätze von Selim Özdoğan hatten diese Eigenschaft — sie sagten Dinge die er kannte und die er nie so benannt hatte, und er saß da und erkannte sie und ließ sie stehen ohne sie anfassen zu wollen.
Als die zweite Geschichte zu Ende war stand er auf. Toilette. Dann zurück, Mantel nehmen, kurzer Blick zu Selim Özdoğan der sich an der Bar unterhielt. Kaan wollte kurz mit ihm sprechen. Er wartete. Zog den Mantel an.
Das Handy fiel aus der Seitentasche.
Das Geräusch des Aufpralls. Selim Özdoğan und die anderen drehten sich reflexartig um.
Und eine der Personen die sich umdrehten war Sandra.
Kaan und sie blicken sich in die Augen.
Einen Moment lang — nicht lang, vielleicht zwei Sekunden, vielleicht weniger — war da nichts außer diesem Blick. Keine Worte, keine Gesten, keine Entscheidung. Nur der Blick.
Dann hob Kaan sein Handy auf und ging zum Ausgang.
Draußen regnete es.
Kaan stand an einem Geländer und rauchte. Der Regen wurde stärker. Er rauchte trotzdem, tiefe Züge, und schaute auf die leere nasse Straße.
Dann öffnete sich die Tür.
Sandra trat heraus. Sie bemerkte ihn. Blieb stehen.
Einige Meter zwischen ihnen. Der Regen der stärker wurde. Beide reglos.
Was hätte man sagen können. Was gab es das stimmte und gleichzeitig genug war und gleichzeitig nicht zu viel. Kaan rauchte. Sandra stand. Der Regen fiel.
Am nächsten Mittag traf er sie an der Promenade.
Er war als erster da — saß vor der Pegeluhr, die Hände in den Taschen, der Wind vom Rhein kalt und klar. Dann sah er sie aus der entgegengesetzten Richtung kommen, der Wind in ihren Haaren, und er stand auf.
Im Café bestellten sie beide heiße Schokolade.
»Immer wenn mir kalt ist«, sagte Sandra.
»Es ist nicht Weihnachten.«
Sie lächelten sich an. Und in diesem Lächeln war etwas das Kaan kannte und das er nicht einordnen wollte, weil manche Dinge kleiner wurden wenn man sie einordnete.
Sie tranken. Sie redeten. Über die Kunstakademie, über Bochum, über Halid mit den Locken der jetzt in Essen arbeitete. Kaan schaute sie verstohlen an wenn sie durch die Scheibe auf den Rhein blickte — diese Art sie anzuschauen die keine Geste war sondern einfach geschah, weil der Blick dorthin wollte.
»Wohnst du noch in Bochum?«
»Nicht mehr. Vor einem Jahr bin ich nach Essen umgezogen.«
Dann die Stille in der man nicht wusste was als nächstes kam, ob überhaupt etwas, ob der Kaffee aufgebraucht und der Nachmittag zu Ende war. Die Art von Stille in der beide innerlich dieselbe Frage stellten ohne sie auszusprechen.
Am Schlossturm blieben sie stehen.
»Es war schön, dich zu sehen«, sagte Kaan.
Sandra schüttelte den Kopf. »Es war schön, DICH zu sehen.«
Sie zögerten. Der Wind. Die leere Nachmittagsstraße.
Dann ging Kaan einen Schritt auf sie zu und umarmte sie mit einem Arm — vorsichtig, halb, die Art von Umarmung die keine Entscheidung war sondern der Versuch einer. Sandra zögerte einige Sekunden. Dann erwiderte sie sie.
Sie lösten sich. Schauten sich an.
»Ich hoffe wir sehen uns irgendwann wieder«, sagte Kaan. »Wenn auch zufällig.«
Er meinte es. Das war das Merkwürdige an ihm — dass er die Dinge meinte die er sagte, vollständig und ohne Rest, auch wenn sie so klangen als wären sie weniger als das was er meinte. Sandra hörte es.
Sie gingen in verschiedene Richtungen.
Kaan ging und schaute nicht zurück. Weil er wusste dass er, wenn er zurückschaute, stehenbleiben würde.