Prolog

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Ne Kadar

Bochum — Herbst 2001

Er wusste nicht mehr, wann die Stille aufgehört hatte, bei ihm zu sein.

Als Kind hatte er sie gekannt — diese Ruhe die keine Leere war sondern das Gegenteil, ein Zustand in dem die Welt sich nicht anfühlte wie ein Problem das gelöst werden musste. Sie war einfach da gewesen. Wie Luft. Wie das Licht durch die Gardinen am Morgen. Wie der Drachen an der Decke seines Zimmers der sich im Durchzug leicht bewegte wenn die Balkontür offen war.

Dann war sie gegangen.

Zuerst ein bisschen — mit der Schule, mit dem ersten Bewusstsein dass die Welt Dinge von einem wollte und dass man diesen Dingen nicht immer standhalten konnte. Dann mehr. Die Pubertät. Das Abitur. Irgendwann kam der Idealismus — der Gedanke dass man etwas tun musste, dass Zusehen keine Option war, dass Ungerechtigkeit keinen Raum haben durfte solange man selbst Raum hatte. Das war kein schlechter Gedanke. Es war ein richtiger Gedanke.

Aber er fraß die Stille auf.

Und was übrig blieb an dem Ort wo die Stille gewesen war — das war kein Nichts. Es war etwas anderes. Etwas das er nicht benennen konnte, das keinen Namen hatte in keiner der beiden Sprachen die er kannte, das manchmal ruhig lag wie ein schlafendes Tier und manchmal nicht.

Er wusste nicht dass es ein Tier war.

Er wusste nur dass er manchmal in den Keller musste.


Der Keller roch nach feuchter Erde und altem Holz und nach dem Schweiß von fünf jungen Männern die hier zu viel Zeit verbrachten. Kein Fenster. Das Brummen der Verstärker das sich durch den Betonboden in die Füße übertrug. Ein Bassgitarrist, ein Gitarrist, ein Schlagzeuger — und in einer Ecke auf zwei Hockern: Kaan und Halid. Joint. Stille.

Dann die Gitarre.

Kaan legte sich die Telecaster um die Schulter und trat ans Mikrofon. Und begann zu singen.

Was danach passierte hatte keinen guten Namen — er sprang, er hüpfte, er trat mit den Beinen aus, er steigerte sich in das Lied hinein bis er nicht mehr Kaan war der Jura studierte und der nachts nicht schlafen konnte und der die Fäuste ballte wenn Leute ihn ansahen als wären seine Wurzeln ein Verdachtsmoment. Er war einfach eine Stimme in einem Keller. Eine Stimme und ein Lied und vier Wände und das Brummen der Verstärker.

Halid sog am Joint und schaute zu.

Er kannte Kaan seit dem Gymnasium — seit der sechsten Klasse, seit dem Tag als Halid von der Hauptschule auf das Gymnasium gewechselt hatte und sie die einzigen Schwarzköpfe in der Klasse gewesen waren. Er kannte dieses Singen. Er kannte was es bedeutete wenn Kaan in den Keller musste.

Das Lied hieß Ne Kadar. Wie viel.

Halid wusste nicht wie viel. Er fragte nicht.

Er hielt den Joint bereit und wartete bis Kaan fertig war.

Das war Freundschaft.